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Deutscher Volkshochschul-Verband

Wenn Inklusion durch den Magen geht

Die Erasmus+-Partnerschaft „Taste of Harmony“ will über das Thema Kochen die Kompetenzen von Menschen mit Rassismuserfahrungen stärken

Text von Manfred Kasper 

Kochen spielt in fast jeder Gesellschaft eine große Rolle, seine Bedeutung jedoch ist zum Teil sehr unterschiedlich. Wie sich über das Thema eine Brücke zur sozialen Inklusion bauen lässt, zeigt die von der Volkshochschule Hannover (Öffnet in einem neuen Tab) koordinierte Erasmus+-Partnerschaft „Taste of Harmony“, an der Organisationen aus Deutschland, Kroatien, Irland, Zypern und Italien mitwirken. Inhaltlich geht es um das Empowerment von Migrant*innen sowie Geflüchteten, wobei diese unmittelbar an dem noch bis Juni 2023 laufenden Projekt beteiligt werden sollen.

Ziele des Projekts

„Unser Ziel ist es, Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen zusammenzubringen und deren interkulturelle und digitale Kompetenzen zu stärken“, sagt Christian Geiselmann, EU-Projektkoordinator der VHS Hannover und Projektleiter von „Taste of Harmony“. „Dabei wollen wir nicht nur über die Zielgruppe sprechen, sondern sie auch aktiv einbinden und so das Thema Inklusion lebendig werden lassen.“ Dazu werden zum einen Lehrmaterialien für das Bildungspersonal und andere Lernende erarbeitet, zugleich aber soll ergänzend zu den Kursen vor Ort eine lebendige Plattform entstehen, auf der Menschen über das Thema Kochen zueinanderfinden und sich austauschen können.

In einem ersten Schritt wird derzeit eine Seminarreihe für ein fünftägiges Curriculum entwickelt, das ab Herbst 2022 zunächst in den fünf beteiligten Institutionen zum Einsatz kommt und später dann auch von anderen Trägern der Erwachsenenbildung genutzt werden kann. „Sie müssen sich das als eine Art Leitfaden für die Lehrkräfte vorstellen, eine Anleitung, wie sie die Lehrmaterialien gezielt einsetzen können“, erläutert Geiselmann.

Eine Besonderheit des Projektes ist es, dass das Curriculum von allen Partnern gemeinsam konzipiert wird, wobei jede der beteiligten Institutionen mit einem anderen Thema befasst ist. Letztlich geht es dabei aber immer darum, die Situation von Migrant*innen sowie Geflüchteten in der Erwachsenenbildung zu verbessern: beginnend von der Frage, welche Art Veranstaltungen sich rund um das Thema Küche und Kochen realisieren lassen, bis zu derjenigen, wie Rezepte nicht nur schriftlich, sondern auch mithilfe von Audio und Video aufgezeichnet und weitergegeben werden können.

Neue Wege in die Zielgruppe

Coronabedingt lief der Dialog im Projekt lange Zeit über Online-Meetings, erst im Mai 2022 kamen die Partner wieder unmittelbar zu einem Treffen zusammen. Ein wichtiger Diskussionspunkt war dabei die Frage, wie es gelingen kann, Menschen für die Angebote zu gewinnen und zugleich auch neue Communities zu erreichen. Thea Thees, die als Dozentin an der vhs arbeitet und selbst Ernährungswissenschaften studiert und an berufsbildenden Schulen unterrichtet  hat, unterstreicht, dass die Voraussetzungen der beteiligten Partner diesbezüglich sehr unterschiedlich seien. Das Spektrum reiche von kleinen, regional gut verankerten Einrichtungen bis zu Institutionen wie der Vollshochschule mit ihren 100 festen Mitarbeiter*innen.

„Ich halte es für sinnvoll, die Kapazitäten der vhs zu nutzen, gleichermaßen aber auch neue Strategien zu verfolgen“, betont Thees. Eine solche könnte die in den nördlichen Bundesländern bekannte Einrichtung des „Bildungsurlaubs“ sein, über die sich Teilnehmende erreichen ließen, die bisher noch nicht so eng mit der migrantischen Community verflochten seien. Die Voraussetzungen jedenfalls seien in Hannover phantastisch, denn die vhs verfüge über hervorragende Räumlichkeiten und eine bestens ausgestattete Lernküche. Ein haptischer Ansatz wie Kochen und Kulinarik könne gerade hier neue Türen öffnen. Dazu noch einmal Thea Thees: „Das gemeinsame Zubereiten von Nahrung ist Teamarbeit. Es findet in lockerer Atmosphäre unabhängig von Klassenraum und PC statt. Das bringt eine ganz eigene Kommunikationsstruktur mit sich, zumal nicht einer vorgibt, was gekocht wird, sondern auch dies aus einem Prozess resultiert. Am Ende steht für alle Beteiligten eine Art ‚Fest’, wenn die Teilnehmenden und die Dozent*innen gemeinsam essen.“

Auch Christian Geiselmann setzt auf derartige Effekte, wobei er einräumt, dass viele der am Projekt beteiligten Organisationen noch auf der Suche nach innovativen Wegen der Zielgruppenansprache seien. Geiselmann wörtlich: „Wir haben beispielsweise auch die Leute im Blick, die im ersten Bildungsweg an der Schule keinen Abschluss geschafft haben und das jetzt bei uns nachholen. Ich denke, wir werden da vieles ausprobieren und dann sehen, welche Erfahrungen wir machen.“

Gemischte Kurse und vielfältige Materialien

Geplant ist, die Kurse mit maximal 12 Teilnehmenden durchzuführen, je zur Hälfte Menschen, die schon länger im Land leben, und andere, die neu hinzugekommen sind. Gemeinsam könnte dann zum Beispiel eine Art „Koch-Podcast“ mit ausgewählten Rezepten erarbeitet werden, wobei zugleich vermittelt wird, wie dies digital realisiert werden kann. Über kleinere Einheiten auf der Plattform sollen zudem Denkanstöße gegeben werden, anhand derer die Teilnehmenden über einen Chat mit anderen in Kontakt treten können. Resultat ist letztlich ein breites Portfolio aus Materialien und Methoden, die alle dazu beitragen, soziale Inklusion in der Gesellschaft zu fördern.

Thea Thees wünscht sich dabei auch „ein klein wenig Infotainment“. Die Teilnehmer*innen, die den Kurs durchlaufen haben, sollen Spaß an der Sache haben, damit etwas Bleibendes entsteht und der Prozess für diese Menschen weitergeht. Dass dabei auch Basics zum Thema Gesunde Ernährung und ein Bewusstsein für den Umgang mit Ressourcen vermittelt werden, ist für sie selbstverständlich, denn ihr Ziel ist es, über das Thema Kochen auch zu gesellschaftlichen und ökologischen Fragestellungen zu gelangen.

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Bildnachweise

  • Taste of Harmony