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Deutscher Volkshochschul-Verband

Volkshochschulen fordern Korrekturen am Integrationskurssystem

Als bundesweit größter Träger von Integrationskursen wenden sich die Volkshochschulen gegen das Primat einer schnellen Zusteuerung von Zugewanderten in den Integrationskurs. Sie fordern, die Zuständigkeit für die Vermittlung in bewährter kommunaler Hand zu belassen.

Das Integrationskurssystem ist seit seiner Einführung permanenten Veränderungsprozessen unterworfen. Verschiedene Migrationsbewegungen, insbesondere ausgelöst durch Krieg und Krisen, sorgen für eine Zuwanderung ganz unterschiedlicher Personengruppen. Der vermehrte Zuzug von Geflüchteten seit September 2015 hat eine außergewöhnliche Dynamik hervorgerufen, auf die mit diversen Maßnahmen reagiert wurde.

Der wohl wichtigste Schritt war, die Integrationskurse für Flüchtlinge mit guter Bleibeperspektive zu öffnen und ihre sprachliche Integration unmittelbar einzuleiten. Diese Entscheidung war und ist integrationspolitisch grundsätzlich zu begrüßen, stellte die Integrationskursträger allerdings vor die Herausforderung, binnen kurzer Zeit ihr Kursangebot verdoppeln zu müssen, um Wartezeiten soweit wie möglich zu reduzieren. 2016 ist dies mit einer großen Kraftanstrengung gelungen. Und nicht zuletzt aufgrund der Lobbyarbeit des DVV wurde die Trägerpauschale erhöht und eine Mindesthöhe für die Honorierung von Lehrkräften festgelegt.

Seit 2017 zeichnet sich eine erneute Zäsur ab, die gekennzeichnet ist durch rückläufige Zuwanderung und sich weiter diversifizierende Zielgruppen. Die Kursteilnahme und auch die Teilnahme am Deutsch-Test für Zuwanderer sind seither dramatisch gesunken. Spätestens seit dem Frühjahr 2018 ist klar, dass die Abschlussquoten beim Deutsch-Test für Zuwanderer alles andere als zufriedenstellend sind. Auch die Hoffnung, dass über eine berufsbezogene Sprachförderung und andere Förderprogramme eine schnelle Integration in den Arbeitsmarkt gelingen kann, hat sich so nicht erfüllt. Die Vermittlung insbesondere von Flüchtlingen in berufsorientierte Angebote wie DeuFöV scheitert vielfach an unzureichenden Sprachkompetenzen.

Aus der unmittelbaren Notwendigkeit raschen Handelns hat sich, so die Kritik des DVV, eine einseitige Ausrichtung auf schnelle Vermittlung in den Integrationskurs entwickelt. Zu diesem Zweck hat das BAMF im Jahr 2017 zentrale Test- und Meldestellen eingeführt und mit einer Änderung der Integrationskursverordnung die Grundlagen für die Zusteuerung von verpflichteten und berechtigten Teilnehmer*innen in Kurse gelegt. Zudem gab es Überlegungen, das bewährte System der Zulassung von Trägern durch Ausschreibungsverfahren abzulösen. Der DVV hat auf diese Entwicklungen mit diversen Maßnahmen reagiert, um seine Positionen zu vertreten und für die Volkshochschulen bessere Rahmenbedingungen zu erwirken.

In der Mitgliederversammlung am 4. Mai 2017 verabschiedeten die Delegierten das „Programm für ganzheitliche und gesamtgesellschaftliche Integration“ unter dem Titel „Zusammenhalt durch Weiterbildung“. Kritisch wurde festgestellt: „Eine schnelle sprachliche Förderung und die baldige Eingliederung in den Arbeitsmarkt sind wesentliche Eckpfeiler der Integration, sie werden aber nicht ausreichen für die langfristige Aufnahme qualifizierter Arbeit und für die gleichberechtigte Partizipation am gesellschaftlichen Leben in Deutschland.“ Konsequenterweise wurde Integration in einen ganzheitlichen Kontext gestellt, in dem Anschlussmöglichkeiten geschaffen werden müssen zu einem fachlich breit aufgestellten Grundbildungsangebot und zum Zweiten Bildungsweg.

Das Positionspapier bot auch die Grundlage für die Wahlprüfsteine zur Bundestagswahl. Neben anderen für die Weiterbildung wichtigen Punkten wurden für die Integration zwei zentrale Forderungen herausgestellt:

Gesamtgesellschaftliche Integration:

Integration bedarf eines ganzheitlichen Bildungsansatzes, der (inter-) kulturelle, gesellschaftspolitische, berufliche und gesundheitsbezogene Bildung mit Sprachlernangeboten verknüpft. Darüber hinaus kann die Integration hunderttausender neu zugewanderter Menschen nur als ein gesamtgesellschaftlicher Prozess gelingen, in dem die Bildungsbedürfnisse von Zugewanderten und einheimischer Bevölkerung gleichermaßen berücksichtigt werden.

Integrationskurse und Qualifizierung:

Die Maßnahmen des Bundes für Integration und Qualifizierung sind besser auszustatten. Sie müssen einerseits positive Lernbedingungen und andererseits den Lehrkräften eine angemessene Vergütung und Absicherung garantieren. Insbesondere brauchen auch die Träger eine ausreichend Finanzierung für die anspruchsvollen Organisations- und Betreuungsaufgaben. Eine nachhaltige Anhebung der Trägerpauschale ist hier unverzichtbar. In einem Spitzengespräch mit BAMF-Präsidentin Jutta Cordt im August 2017 äußerte der DVV vor allem Kritik an dem Zusteuerungsverfahren und zeigte die negativen Folgen einer möglichen Ausschreibungspraxis auf. Während die Zusteuerung dennoch weiter ausgebaut wurde, konnte hingegen ein grundlegender Wechsel vom Trägerzulassungsverfahren hin zu einem Ausschreibungsverfahren bis heute verhindert werden. In einer starken Allianz haben schließlich DVV und kommunale Spitzenverbände Ende 2017 grundlegende Korrekturen im Integrationskurssystem gefordert. Im Fokus stand das gemeinsame Interesse an der Qualitätssicherung des Integrationskurses sowie an der Beibehaltung jener bewährten Trägerstruktur, die ein Jahr zuvor das Meistern der großen Herausforderungen überhaupt ermöglicht hatte.

Gefordert wurden im Einzelnen:

  • Neujustierung des Verhältnisses von Kursqualität und Vermittlungsgeschwindigkeit zugunsten der Qualität
  • Nutzung und Ausbau kommunaler Vernetzungsund Vermittlungsstrukturen anstelle einer zentralen Zusteuerung
  • Gewährleistung von Versorgungssicherheit in allen Regionen des Landes durch das bewährte System der Trägerzulassungen
  • Fokuserweiterung auf nachhaltige Integration und gesellschaftliche Teilhabe
  • sowie – zum wiederholten Male – Sicherstellung angemessener Rahmenbedingungen und Abbau des überbordenden bürokratischen Aufwands.

Inzwischen wächst die Einsicht, dass allein die rasche Zuführung in den Integrationskurs den Lernerfolg der Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht garantiert, sondern auch andere Faktoren entscheidend sind.

Es ist sinnvoll, vor den Integrationskurs ein Einstiegsangebot zu schalten, in dem Flüchtlinge mündliche Sprachkompetenzen erwerben können. Einstieg Deutsch hat sich seit 2016 zu einem nachgefragten Angebot entwickelt und gewaltige Herausforderungen gemeistert.

Online-Angebote sollten einen selbstverständlichen Platz in der Integration einnehmen. Am Ende eines langen Überzeugungsweges ist das DVV-Lernportal ich-will-deutsch-lernen.de als „kurstragendes Lehrwerk“ vom BAMF anerkannt worden.

Die heute vielfach nebeneinander stehenden Sprachfördergebote müssen im Sinne einer Bildungskette miteinander verknüpft werden, damit Anschlüsse und Übergänge erleichtert werden. Damit niemand verloren geht, muss für jede Person eine individuelle Bildungsberatung, Kompetenzbilanzierung und Bildungsplanung zur Verfügung stehen, die in geeignete Formate und Angebote vermittelt.

Nicht zuletzt muss der DVV immer wieder deutlich machen, dass er das Prinzip der Offenheit von Volkshochschularbeit auch auf die Integration bezieht. Insofern müssen Sprachlernangebote für Zugewanderte konsequent ausgebaut werden und allen offen stehen – unabhängig von Aufenthaltsstatus und Bleibeperspektive.

Gemeinsamer Appell mit kommunalen Spitzenverbänden

Gemeinsam mit den kommunalen Spitzenverbänden appelliert der Deutsche Volkshochschul-Verband an den Bund, die Bildung und Integration von Geflüchteten und Zugewanderten stärker am individuellen Bedarf zu orientieren. Die aktuelle einseitige Ausrichtung auf das Prinzip möglichst schneller Vermittlung ins Integrationskurssystem müsse zugunsten von Kursqualität, Lernerfolgen und einer sinnvollen Abstimmung mit weiteren Integrationsangeboten neu justiert werden.

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