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Deutscher Volkshochschul-Verband

Wir müssen „verstehen, dass jede Bildungsaktivität ein Beitrag zur Gesellschaftsentwicklung darstellt“

Prof.in Dr. Regina Egetenmeyer über die Nationale Weiterbildungsstrategie

Prof.in Dr. Regina Egetenmeyer leitet die Professur für Erwachsenenbildung/Weiterbildung an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg, ist Vorsitzende des Rates der Weiterbildung (KAW) und Mitglied im Kuration von DVV International. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen die Professionalisierung in der Erwachsenenbildung/ Weiterbildung, die international vergleichende Erwachsenenbildungsforschung, das lebenslange Lernen, die europäische Bildungspolitik sowie die Digitalisierung in der Erwachsenenbildung / Weiterbildung.

Zur Stärkung der Weiterbildung und lebensbegleitenden Lebens hat die Bundesregierung 2019 die Nationale Weiterbildungsstrategie (NWS) entwickelt. Das bisher Erreichte wurde im Juni 2021 in einem Umsetzungsbericht dokumentiert. An dessen Ende steht eine klare Empfehlung zur Fortführung der NWS in der kommenden Legislaturperiode. Im Gespräch mit dis.kurs ordnet Weiterbildungsexpertin Prof.in Dr. Regina Egetenmeyer den Umsetzungsbericht ein und gibt eine Einschätzung, welche Aspekte für eine erfolgreiche Fortsetzung der Strategie entscheidend sind.

| Wie bewerten Sie aus Sicht des Rats der Weiterbildung den abschließenden Umsetzungsbericht der Nationalen Weiterbildungsstrategie?

Prof.in Dr. Regina Egetenmeyer: Es ist zuallererst gut, dass sich die Bundesregierung für das Thema Weiterbildung engagiert. Die hohe Notwendigkeit der Beschäftigung mit Weiterbildung als strategisch wichtige Aufgabe zur Gesellschaftsentwicklung spiegelte sich auch in den Wahlprogrammen vieler Parteien wieder. Für jede und jeden von uns hat sich die Welt in den letzten Jahren massiv verändert. Wir haben als Gesellschaft umfangreiche Lern- und Bildungsaufgaben, um verantwortlich und selbstbestimmt mit den Entwicklungen in den Bereichen Digitalisierung, Internationalisierung, Nachhaltigkeit und Gesundheitsschutz umgehen zu können.

Wenn wir einen internationalen Blick wagen, dann können wir sagen: Es ist gut, dass die Bundesrepublik nun auch an einer Nationalen Weiterbildungsstrategie arbeitet, die es in sehr vielen Ländern bereits seit vielen Jahren als Adult Education Policies oder Lifelong Learning Strategies gibt.

Aus der Perspektive des Rats der Weiterbildung halte ich das Papier aber nur für den ersten Schritt. Viele weitere sind notwendig, damit sie als „Nationale Weiterbildungsstrategie“ auch der Breite der Weiterbildungsinstitutionen in Deutschland gerecht wird. 

Dafür ist es nun im nächsten Schritt sehr wichtig, dass sich die entsprechenden Organisationen und Verbände aktiv an den weiteren Entwicklungen beteiligen können. Sie sind es, die offen zugängliche Angebote zur Weiterbildung bereitstellen und damit einen wesentlichen Beitrag dafür leisten, dass ein breiter Teil der Gesellschaft weiterlernen kann. Sie haben die Expertise dafür, wie Menschen für Weiterbildung gewonnen werden können, welche konkreten Bedarfe vor Ort existieren und wie diese in attraktive Angebote transferiert werden können.

| Worauf kommt es bei den „Empfehlungen und nächsten Schritten“ Ihrer Meinung nach an?

Die „Empfehlungen“ greifen zunächst Themen auf, von denen sich viele auch in den Beschlussvorlagen zur Bildungspolitik der Europäischen Union aus den letzten 20 Jahren wiederfinden: Anschlüsse, Beratung, Alphabetisierung, Förderangebote, Vernetzung, Personal, Digitalisierung etc. Diese Empfehlungen sind alle richtig und wichtig. Sie sind relativ bekannt und grundsätzlich zu unterstützen.

Für vielversprechend halte ich in den Aspekt „Bund und Länder“. Hier dürfen wir die Hoffnung haben, dass neue Kooperationsformen für Weiterbildung zwischen Bund und Ländern etabliert werden, die zu einem strukturellen Rahmen für die Weiterbildung in Deutschland führen können. Dies ist auch förderpolitisch gesehen dringend notwendig, um gesellschaftspolitisch bedeutende Angebote nachhaltig vor Ort für die Menschen bereitstellen zu können. 

Der Koalitionsvertrag scheint das im Bereich der Entwicklung von „Kompetenzzentren für digitales und digitales gestütztes Unterrichten in Schule und Weiterbildung“ aufzugreifen. Die nächsten Schritte bleiben im Umsetzungspapier noch sehr vage. Die Koalitionsverhandlungen haben das Thema jedoch aufgegriffen und weitere Ziele formuliert.

| Wer müsste an einer Fortführung der Nationalen Weiterbildungsstrategie beteiligt werden und warum?

Zusätzlich zu den bisherigen Partnern ist es wichtig, die Träger, Organisationen und Verbände der Weiterbildung in ihrer Breite einzubinden. Die Stärke dieser Organisationen in Deutschland liegt darin, dass sie die Situation vor Ort, den Bildungsbedarf sowie Bildungsinteressen der Menschen sehr gut einschätzen können. Viele Einrichtungen sind existenziell davon abhängig, dass ihnen die Abstimmung von Bedarf und Angebot zielgenau gelingt. Ihre lange Präsenz auf dem Weiterbildungsmarkt ist auch ein Zeichen ihrer qualitätsvollen Arbeit. Nur durch eine hohe Qualität auf Seiten der Anbieter können Menschen für Bildungsprozesse gewonnen werden. Das ist eine grundlegende Voraussetzung, damit eine Nationale Weiterbildungsstrategie auch bei Erwachsenen in diesem Land ihre Wirkung entfaltet.

Es ist erfreulich, dass der neue Koalitionsvertrag davon spricht, dass die nationale Weiterbildungsstrategie „mit einem starken Fokus auf die allgemeine Weiterbildung“ fortgesetzt werden soll. Wir sehen quer durch das Umsetzungspapier sowie bei den Literaturquellen, dass die Trennung der beruflichen Weiterbildung von anderen Teilen der Erwachsenenbildung weder mit Blick auf die Datenreferenz noch auf die Gesamtargumentation möglich ist. Die berufliche Weiterbildung auf der einen Seite und die politische und allgemeine Erwachsenenbildung auf der anderen ist aus wissenschaftlicher Perspektive eine konzeptionell-theoretische Differenzierung. In der Praxis wird es in der Vielzahl der Situationen um mehr als einen Bereich gehen. Ich wünsche mir daher auch die Einbeziehung der Wissenschaft, um deren Erkenntnissen und die internationalen Erfahrungen mit einfließen zu lassen.

| Auf welche Themen müsste sich die NWS in den kommenden vier Jahren fokussieren?

Mit Blick auf einen strukturellen Rahmen ist es wichtig, zunächst die allgemeine, politische, wissenschaftliche und berufliche Weiterbildung gemeinsam zu denken. Dazu bedarf es verschiedener Rahmenbedingungen, um Menschen im Erwachsenenalter zu erreichen: Es gilt, Bund-Länder-Vereinbarungen für die Förderung von Weiterbildung zu erreichen. In der Förderung sollte differenziert werden zwischen:

  1. einer Regelförderung für Deutschkurse, die Politische Bildung, die Alphabetisierung und/oder für die Vermittlung von IT-Grundkompetenzen;
  2. einer Förderung von Weiterbildungsorganisationen entlang der Qualitätskriterien der Länder – mit Blick auf die notwendige Entwicklung der digitalen Bildungsinfrastruktur und auf die Sicherung einer Grundversorgung der Erwachsenenbildung auf kommunaler Ebene;
  3. Projektfinanzierungen für die Entwicklungen von Innovationen, wie beispielsweise die Erstellung von inhaltlich-didaktisierten Open Education Resources (OER). Auch dies wird im Koalitionsvertrag angesprochen. Es ist jedoch kostenintensiv, didaktisch und inhaltlich hochwertige und breit nutzbare OERs zu entwickeln.

Für die Entwicklung eines strukturellen Rahmens wäre es sehr wichtig, die Qualitätssicherung von Bildungsangeboten entlang der bereits bestehenden Qualitätsmanagementsysteme der Weiterbildungsorganisationen festzuschreiben. Qualitätsvolle Weiterbildung zeichnet sich gerade dadurch aus, dass es den Organisationen vor Ort gelingt, sehr schnell Bildungsbedarfe zu erfassen, Angebote zu konzipieren und Teilnehmende zielgenau zu gewinnen. Starre Strukturen würden die Qualität von Weiterbildung massiv behindern. Die Qualität spiegelt sich auch in der raschen Anpassung von Angeboten an aufkommende Bedarfe wieder.

Zudem müsste die Einbindung von Angeboten der allgemeinen Erwachsenenbildung im Deutschen Qualifikationsrahmen voranschreiten. Hier gibt es seit Jahren Verzögerungen, deren Überwindung wichtig ist für die strukturelle Weiterentwicklung des Feldes. Zuletzt ist die der Qualität angemessene Finanzierung von freiberuflichem Personal in der Weiterbildung mitzudenken. Höhere Einkünfte für Lehrkräfte müssen auch über höhere finanzielle Förderungen durch die Länder – und optimalerweise auch durch den Bund – sichergestellt werden.

| Der Rat der Weiterbildung und seine Mitgliedsorganisationen wollen die Gleichwertigkeit allgemeiner und beruflicher Weiterbildung weiter stärken. Was muss dafür getan werden?

Damit die allgemeine und die beruflicher Weiterbildung eine gleiche Wertschätzung erlangen, halte ich Bund-Länder-Vereinbarungen für wesentlich. Dadurch kann ein Rahmen geschaffen werden, der als Dach für beide Bereiche agiert. Es ist wichtig, dass wir als Gesellschaft verstehen, dass jede Bildungsaktivität jedes einzelnen Menschen ein Beitrag zur Gesellschaftsentwicklung darstellt – mag er im Einzelfall och so klein sein. Die Teilnahme an einem Angebot der allgemeinen, politischen oder beruflichen Weiterbildung ist ein Signal, dass Menschen bereit sind, sich in Gemeinschaft mit anderen zu begeben, um dort weiter zu lernen, mehr zu verstehen und sich für Bildungsprozesse zu öffnen.

Für die Demokratieentwicklung ist es sehr wichtig, dass wir Menschen erreichen, dass wir gesellschaftlichen Spaltungen entgegenwirken und dass jeder einzelnen Person die Möglichkeit zur Entfaltung der eigenen Potentiale gewährt wird. Deshalb ist Weiterbildung jeglicher Art nicht eine Freizeitaktivität, sondern primär ein Beitrag jedes Einzelnen zur Gesellschaftsentwicklung. Dieses Signal sollte die Nationale Weiterbildungsstrategie in ihrer Weiterentwicklung klar aussenden. 

Die Fragen stellte  Sascha Rex, Leiter der Stabstelle Grundsatz und Verbandsentwicklung im DVV.

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Bildnachweise

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  • Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) / Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)
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