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Deutscher Volkshochschul-Verband

„Wir müssen hingehen und nicht nur kommen lassen.“

Interview mit dem Kommunikationsexperten Wolfgang Nafroth

Zeit und Budget sind knapp. Trotzdem läuft an den Volkshochschulen nichts ohne Öffentlichkeitsarbeit, besonders wenn es darum geht, neue Potenziale von Teilnehmenden zu erschließen.

Der Kommunikationsberater Wolfgang Nafroth plädiert dafür, in der Verständigung untereinander neue Wege zu beschreiten und zeigt, wie es auch mit geringem Aufwand gelingt.

Wolfgang Nafroth betreibt die Agentur nafroth. com pr+kommunikationsberatung und berät diverse Kommunen, Ministerien, Organisationen, Betriebs- und Personalräte bei Low-Budget-Kampagnen. Zu seinen Schwerpunkten gehört die Entwicklung von Ideen für Straßenkampagnen sowie Alternativen zum Infostand.

Kommunikationsexperte Wolfgang Nafroth

Herr Nafroth, „Neue Wege in der Kommunikation“: Was verstehen Sie darunter?

Viele denken bei „Neuen Wegen“ gleich an Soziale Medien. Natürlich muss man auch damit arbeiten. Ich überlege aber mehr, wie wir wirklich ALLE Menschen vor Ort wiederholt erreichen, sie über Bildungsangebote und ihre Möglichkeiten miteinander ins Gespräch bringen und die Menschen aktiv in diese Kommunikation mit einbeziehen. Denn erst dadurch erzielt man eine nachhaltige Wirkung. Es muss einen beschäftigen. Man muss Lust haben, drüber zu reden, es anderen zu erzählen. Das wird wohl nur selten ein klassisches vhs-Programmheft oder ein Flyer leisten.

Es gilt also, Instrumente zu entwickeln, die höhere „Einschaltquoten“ haben. Instrumente, die mit geringstem Finanz-, Zeit- und Personalaufwand realisierbar sind, damit sie jede*r fast überall einsetzen kann, damit ein Kommunikationsprozess in Bewegung kommt.

„Neue Wege“ bedeutet für mich also eher ein anderes Prinzip, das vor allem auf einen gleichberechtigten Dialog als Mittel des Informationstransfers setzt, sowohl in der Textgestaltung als auch in der Auswahl der Mittel. Es geht uns um eine leicht umsetzbare Vor-Ort-Kommunikation, damit sie an mehr Orten möglich wird – auch für jene ohne Kompetenz in Sachen Grafik, Software oder für jene mit wenig Zeit- und Finanzressourcen.

Warum ist es aus Ihrer Sicht heute notwendig, sich nicht nur auf traditionelle Instrumente der Öffentlichkeitsansprache zu verlassen?

Inzwischen liest nur eine Minderheit der Bürger*innen täglich eine Zeitung und wenn, dann nur ganz wenige Artikel, schon gar nicht den Terminkalender der Zeitung. Und wenn Sie `mal überlegen, wie oft Sie selbst in den letzten vier Wochen zum Beispiel auf der Internetseite eines Sportvereins oder einer Krankenkasse waren, spüren Sie die eingeschränkte Wirkung selbst dieser modernen Medien. Man geht nicht auf die Internetseite der vhs, wenn man keinen Bezug zu ihr hat. Überschätzen wir also das Internet nicht! Ständer mit Flyern in Bürgerzentren und Rathäusern sind wiederum oft nur die Grabstätten für die Printerzeugnisse vieler Akteure am Ort.

Man muss sich klar machen, dass man all diese verschiedenen Medien natürlich braucht, dass sie aber eine viel geringere Wirkung haben, als Laien oft glauben. Man muss sie daher durch weitere Wege der Kommunikation ergänzen, die die Menschen mehr über Bildung reden lassen.

Wenn klassische Medien eingesetzt werden, kommt es nicht primär darauf an, dass vhs-Flyer „schön“ gestaltet sind und alle Regeln des Designs eingehalten werden. Stattdessen könnten sie ab und zu frecher gestaltet sein, mehr den Dialog fördern. Ich denke zum Beispiel gerade an ein Programmheft des Bochumer Schauspielhauses mit der fetten Titelzeile auf der ersten Seite: „Hier geschehen seltsame Dinge“. Da überlegt man schon, ob das erlaubt ist – oder?

Machen wir uns klar: Viele Menschen werden nie von Bildungsangeboten erreicht. Und das ist doch wirklich ein Armutszeugnis! Eigentlich kommuniziert man immer und immer wieder in der eigenen Wolke. Aber wir müssen deutlich darüber hinauswirken wollen. Das ist nicht nur für die Bildungsanbieter wichtig, sondern auch für unsere Gesellschaft, unsere Demokratie.

Welche besonderen Herausforderungen sehen Sie speziell mit Blick auf den Weiterbildungsmarkt?

Ich mache mir Sorgen, wenn ich höre, dass zum Beispiel nur knapp über 1% der Arbeitnehmer Angebote der Gesetze zum Bildungsurlaub nutzen oder vergleichbarer Gesetze für den öffentlichen Dienst. Da helfen keine Poster und Karten mit der Aufschrift „Bildungsurlaub – hinterher ist man immer klüger“. Das gilt auch für die Volkshochschulen: So bekannt die Marke vhs ist, viele werden einfach von ihren Angeboten nicht erreicht und fühlen sich nicht „angesprochen“. In Zeiten des Populismus werden wir erschlagen von Fake-News und Vorurteilen und sprechen mit den „richtigen“ Informationen letztlich primär jene an, die schon recht gut informiert sind.

Deshalb muss man über andere Kommunikationsmittel und -orte nachdenken, die die Menschen darüber reden lassen, und auch über andere Formate der Weiterbildung - vielleicht auf dem Marktplatz, beim Nahversorger oder im Betrieb. Wir müssen hingehen und nicht nur kommen lassen. Das gilt für die Werbung in Sachen Bildung wie für die Lernorte, wobei alle Ebenen eng zu verknüpfen sind: Digitale und analoge Kommunikation, die Aktivität auf der Straße nmit der im Netz und im Unterrichtsraum.

Was raten Sie Volkshochschulen, die trotz knapper Ressourcen neue Wege gehen wollen?

Schauen Sie, manche vhs stellt Ihr Semesterprogramm noch immer per Pressekonferenz im Lehrsaal vor. Aus meiner Sicht der falsche Ort, der falsche Weg. Warum nicht in Anwesenheit der Medien auf einer Betriebsversammlung des größten Betriebes am Ort? Warum nicht live auf dem Marktplatz? Man kann dort das vhs-Programm problemlos als 8x8m-großes Mindmap auf die Straße legen, vielleicht unter der Überschrift „Gehen Sie auch hin? Würde es Ihnen nicht im Alltag weiterhelfen?“.

Die Mindmap könnte anschließend auf Tour gehen von Betriebsversammlung zu Betriebsversammlung, von Kantine zu Kantine, von Schulhof zu Schulhof, über alle Plätze der Region. In Kooperation mit Betriebs- und Personalrät*innen, mit Schulleitungen und Schülervertretungen dürfte das kein Problem ein.

Freche Printprodukte, über die man spricht, sind leistungsfähiger als klassische Programmflyer. Selbst Foyers und Flure einer vhs könnten visuell pfiffig und sogar bewegt mit dem Besucher in einen Dialog eintreten - über weitere Angebote und deren Gebrauchswert z.B., statt Ständer mit Flyern an den Ausgang zu stellen. Infostände bei Veranstaltungen oder Ausstellungen müssen keine „Altäre der Bildung“ sein mit wohlgeordneten Programmen und traumhaft schönen Rollups. Sie könnten visuell fragen, ob ich dies oder das weiß, ob ich hier und da Rat brauche.

Worauf sollten Volkshochschulen bei der Auswahl und Planung geeigneter Maßnahmen achten?

Die vhs muss ihr Bildungsangebot wahrscheinlich nicht oder kaum ändern, denn: was hat hier keinen Gebrauchswert für die Menschen? Sprachen, Kultur techniken, Entspannung, Rechtsfragen, Philosophie und Politik – wichtig ist das alles für die Bevölkerung. Nur die Titel klingen oft wie Titel eines Buches oder einer Diplomarbeit.

Aber Sie haben Recht. Alles ist mit etwas Aufwand verbunden. Bedenken Sie aber, dass Sie keine Firma zur Produktion eines neuen Schokoriegels gründen können, wenn Sie nicht über Aufwendungen für dessen Bewerbung nachdenken. Dafür müssen natürlich Ressourcen eingeplant werden. Bleiben wir aber realistisch und wollen die Ausgangslage einer lokalen vhs betrachten, so müssen wir zugeben: Es geht fast nichts.

In Sachen Kommunikation von Bildungsangeboten sollten Volkshochschulen deshalb weit stärker mit Externen zusammenarbeiten. Sie sollten zum Beispiel lokale Initiativen für Bildung gründen, deren Zweck es ist, Bildung ins Gespräch zu bringen. Sie könnten sich mit Betriebs- und Personalräten der Region treffenund mit ihnen pfiffige Instrumente absprechen, die nach und nach in Betrieben aufgebaut oder ausgehängt werden. Sie könnten mit Ehrenamtsbüros reden, die mit voll beklebten Autos konkrete Bildungsmaßnahmen und deren Gebrauchswert für die Menschen transparent machen – zum Beispiel am Bahnhof. Es macht sogar Spaß, so etwas zu verwirklichen.

In Sachen Kommunikation könnten sie auch mit Universitäten eine dauerhafte Zusammenarbeit anpeilen, damit Studenten praxisnahe Arbeitsfelder finden, die unter realen Bedingungen erprobt werden. Teilnehmende von Kommunikationskursen sollten das Erlernte öffentlich ausprobieren. Sie könnten Wettbewerbe starten, wer Bildung an einem eigenwilligen Ort oder auf originelle Weise ins Gespräch gebracht hat. Oder wer die meisten Menschen erreicht hat und ein besonders starkes Echo erzielte. Auch das ist mit der breiten Bevölkerung machbar, mit Schulen, Betrieben, Vereinen und Organisationen.

Welche innovative Aktion ist Ihnen aus der Zusammenarbeit mit Volkshochschulen besonders in Erinnerung geblieben?

Nun, einige Volkshochschulen machen zum Beispiel mit unserer Idee „Bodenzeitung“ schon recht gute Erfahrungen. Wir selber haben erlebt, dass riesige Infowürfel auf einem Autodach am Rand der Fahrbahn oder im Gewerbegebiet Wirkung zeigen. Bei einem Betrieb brachte der Würfel binnen einer Woche Anträge auf Bildungsurlaub in der Menge der letzten drei Jahre. In einer Kleinstadt führte ein altes Fahrrad, ausgestattet mit gut 20 Sichthüllen mit Programmangeboten, zur vollen Belegung mehrerer Lehrgänge. Das zeigt: Es geht eben auch anders.

Aber, es ist schon so: Volkshochschulen tun sich auf dem Gebiet meist noch schwer. Oft ist das eigene Team die erste Hürde oder die Erfahrung, dass es doch auch so irgendwie läuft. Wenn ich dann sehe, dass es Fahnen, bunt gestaltete Infotische und klassische Werbe-Fahrräder bringen sollen – und wenn ich bedenke, wieviel Geld dann dafür da ist… Es wird nicht einfach.

Die Fragen stellte Sabrina Basler, Juniorreferentin in der dis.kurs Redaktion.

nafroth.com

Wie erreicht man fast alle Menschen und das fast ohne Budget?

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Bildnachweise

  • Wolfgang Nafroth / nafroth.com
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