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Deutscher Volkshochschul-Verband

Die tief verwurzelten Gründe

Aus der Artikelreihe: Argumente gegen Stammtischparolen mit Prof. Dr. Klaus-Peter Hufer

Während der Corona-Pandemie hatte jemand an einem Brunnen in der Bamberger Altstadt ein handgeschriebenes Pappschild angebracht. Darauf stand „Coronavirus heißt Judenkapitalismus“. Im Internet wurde das Coronavirus „als Probelauf für den echten Virus bezeichnet - ´der abartigen jüdisch orthodoxen Freimaurer Sekte alias Zionisten`“ (Röhmel/Wolf 2020). Außerdem wurde das Gerücht in Umlauf gebracht, die Juden hätten das Virus verbreitet (Leber 2020).

Die Corona-Krise verstärkte den Antisemitismus, zunehmend wurden Hass uns Hetze im Netz verbreitet (Leskovar 2020).

Damit ist ein uraltes Feindbild wieder aktuell und bricht sich in aufflammendem Antisemitismus erneut Bahn: „Der Haß gegen Juden zieht sich in blutiger Spur durch das christliche Abendland, tradiert von Generation zu Generation – selbst ohne Juden.“ (von Braun/Heid 1990, Rückseite Cover). Im frühen Christentum galten die Juden als „Gottesmörder“, im Mittelalter als „Wucherer“, ihnen wurde „Hostienfrevel“ unterstellt. Als Mitte des 14. Jahrhunderts die Pest in Europa ausbrach, wurden dafür die Juden verantwortlich gemacht; ihnen wurde unterstellt, sie hätten die Brunnen vergiftet (Benz 2015, 17 – 41). Über die Jahrhunderte hinweg wurden Tausende von Jüdinnen und Juden ermordet. Scheinbare „Begründungen“ dafür und für spätere Exzesse wie den Holocaust lieferten u. a. prominente Wissenschaftler wie der Historiker Heinrich von Treitschke (1834 – 1896). Dieser proklamierte, „die Juden sind unser Unglück“ (zit. nach ebd., 44).

In heute noch verbreiteter, unverfänglich erscheinender Literatur stößt man mitunter auf Stellen, bei denen man sich die Augen reibt. Wer hätte gedacht, dass sich in Wilhelm Buschs Geschichte von „Plisch und Plum“ diese Beschreibung eines Juden findet?  

„Kurz die Hose, lang der Rock, 
Krumm die Nase und der Stock, 
Augen schwarz und Seele grau, 
Hut nach hinten, Miene schlau – 
So ist Schmulchen Schievelbeiner. 
(Schöner ist doch unsereiner!)“

(Busch 1967, 84)

Ein bekanntes Vorurteil wird in Reimform erzählt: der krummbeinige, hässliche, verschlagene Jude. Ein bekanntes Muster wird deutlich: die Übertragung negativer Merkmale auf „die anderen“, denen das positive Eigenbild entgegengesetzt wird. 

Auch in den gegenwärtigen Stammtischparolen wimmelt es von antisemitischen Legenden: „Die Juden beherrschen wieder das Kapital.“ „Juden er­pres­sen uns mit dem Ho­lo­caust, sie wol­len Ka­pi­tal dar­aus­ schla­gen.“ Von diesen und ähnlichen Behauptungen berichten die Teilnehmer*innen der Argumentationstrainings.

Der Historiker Theodor Mommsen (1817 – 1903) war einer der großen Gelehrten des vorletzten Jahrhunderts. Von 1879 bis 1881 gab es eine heftige Auseinandersetzung um den Antisemitismus; bekannt geworden auch als „Berliner Antisemitismusstreit“ (siehe Hoffmann 1997). Mommsen war ein entschiedener Kritiker des Antisemitismus. Aber am Ende des Streites (1893) vertrat er die Ansicht, dass man gegen den Antisemitismus doch nichts ausrichten könne:

„Auf Argumente hört kein Antisemit.

[…] Sie täuschen sich, wenn Sie annehmen, dass überhaupt etwas durch Vernunft erreicht werden könnte. In den vergangenen Jahren habe ich das selbst geglaubt und fuhr fort, gegen die ungeheuerliche Niedertracht des Antisemitismus zu protestieren. Aber es ist nutzlos, völlig nutzlos. Was ich oder jemand anders Ihnen sagen könnte, sind in letzter Linie Argumente, logische und ethische Argumente, auf die kein Antisemit hören wird. Sie hören nur ihren eigenen Hass und Neid, ihre eigenen niedrigsten Instinkte. Alles andere zählt für sie nicht. Sie sind taub für Vernunft, Recht und Moral. Man kann sie nicht beeinflussen. [...] Es ist eine fürchterliche Epidemie wie die Cholera – man kann sie weder erklären noch heilen. Man muss geduldig warten, bis das Gift sich selbst aufgezehrt und seine Virulenz verloren hat“ (Mommsen, zit. nach Horkheimer 1972, 107).

Das Warten auf ein Ende der „Epidemie“ war, wie die Geschichte zeigt, nicht das geeignete Mittel, um die schlimmen Folgen des Antisemitismus zu verhindern. Resignation, Fatalismus und intellektueller Verzicht bewegen nichts. Das gilt auch heute, wo in der Corona-Pandemie der Antisemitismus wieder hochkocht.

Erläuterungen und Hinweise

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