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Deutscher Volkshochschul-Verband

Praxisbericht: Erprobung des Kurskonzepts „Wer bin ICH, was bin ICH, wo gehöre ICH hin?”

Erfahrungsbericht zur Erprobung des Kurskonzepts „Wer bin ICH, was bin ICH, wo gehöre ICH hin? – Ein ‚Mehr‘ an Identitäten und Zugehörigkeiten“

Durchführung des Kurskonzept „Wer bin ICH, was bin ICH, wo gehöre ICH hin? − Ein ‚Mehr‘ an Identitäten und Zugehörigkeiten” Erfahrungsbericht.

Ort: vhs Frankfurt am Main / Kursleitung: Nasrin Siege

Im Rahmen des Projekts Prävention und Gesellschaftlicher Zusammenhalt (PGZ) werden neben Maßnahmen zur Fortbildung von vhs-Kursleitenden und weiteren Fachkräften Kurs- und Modellkonzepte für den Einsatz mit jungen Menschen konzipiert. Die Maßnahmen sollen zur Stärkung der Autonomie und Selbstbestimmung der Zielgruppe beitragen.

Erprobung des Kurskonzepts

Das Kurskonzept  „Wer bin ICH? Was bin ICH? Wo gehöre ICH hin?“ ist in das Themenfeld „Identitäten und Zugehörigkeiten“ einzuordnen – Jugendliche und junge Erwachsene beschäftigen sich mit der Frage nach ihrer Identität. Sie setzen sich mit ihren Wünschen und Vorstellungen hinsichtlich der eigenen Selbstverwirklichung und individuellen Lebensgestaltung auseinander. Das Kurskonzept wurde im Jahr 2019 durch das Team des PGZ-Projekts entwickelt. vhs-Kursleitende und Fachkräfte anderer Bildungseinrichtungen konnten an einer Aufbauschulung teilen. Im Anschluss fanden Erprobungen des Kurskonzepts an verschiedenen Standorten und mit unterschiedlichen Zielgruppen statt. Die Ergebnisse und Eindrücke aus diesen Erfahrungen fassten die Kursleitenden schließlich in einem Erfahrungsbericht zusammen – im Folgenden ist eine Umsetzung beispielhaft beschrieben. Im Folgenden finden Sie den Erfahrungsbericht von Nasrin Siege (Kursleitung der vhs Frankfurt am Main).

Kontext der Durchführung

Die Durchführung der Erprobung fand im Rahmen eines Kurses zur Vorbereitung des Hauptschulabschlusses mit 13 Teilnehmenden statt. Das Alter der TN variierte stark. Seit August 2020 werden die TN in den Fächern Deutsch, Mathematik, Biologie, Gesellschaftslehre, Projektunterricht, EDV und Berufsorientierung unterrichtet. Im Juni 2021 endet der Kurs mit einer Abschlussprüfung.

Die Kursleitung Nasrin Siege wurde durch Mitarbeiterinnen der vhs Frankfurt am Main in der Vorbereitung der Erprobung unterstützt. Gemeinsam mit Ute Schlagehan, Pädagogin im Fachbereich „Sozialer Zusammenhalt“ und Margret Büscher-Kessler, Lehrkraft in der Vorbereitungsklasse, wurde das Kurskonzept an die Bedürfnisse der Teilnehmenden, den zeitlichen Umfang und die Rahmenbedingungen des Kurses angepasst. Das Konzept beinhaltet eine Reihe praktischer Übungen, die für einen über mehrere Tage laufenden Kurs gedacht sind. Bei der Erprobung wurden daher Übungen aus dem Kurskonzept und ergänzende Übungen der Kursleitung zu insgesamt zehn Modulen zusammengefügt – die Umsetzung erfolgte in Form eines Projekttages. 

Besondere Aspekte der Erprobung

Frau Siege war den TN nicht als Lehrkraft bekannt – aus diesem Grund besuchte sie die Klasse einen Monat vor dem gemeinsamen Projekttag. Sie stellte sich vor und berichtete, weshalb sie die Klasse kennenlernen wollte: Im Rahmen der Erprobung des Kurskonzepts würde man sich zum Thema „Identitäten und Zugehörigkeiten“ austauschen. Im Anschluss blieb sie noch eine Weile in der Klasse. Es stellte sich heraus, dass diese Teilnahme als „stille Beobachterin“ sehr wertvoll war – Frau Siege entschied sich daraufhin, einige Übungen sprachlich anzupassen, da u. a. der Begriff der Identität nicht allen TN bekannt war. Des Weiteren wurde deutlich, dass einige der TN in ihrem Leben bereits schwierige Situationen durchlebt hatten, die u. a. während des Lernprozesses im Unterricht berücksichtigt werden mussten. Die Gespräche mit den vhs-Mitarbeiterinnen Ute Schlagehan und Margret Büscher-Kessler sowie der Besuch der Klasse waren wichtige Bausteine für die erfolgreiche Durchführung der Erprobung des Kurskonzepts. 

Als Besonderheit hinsichtlich der Rahmenbedingungen ist Folgendes zu nennen: Aufgrund der aktuell durch Covid-19 bestehenden Hygieneregeln war am Tag der Umsetzung keine Gruppenarbeit möglich. Die als Gruppenarbeit konzipierten Übungen wurden spontan in individuelle Übungen und Diskussionen im Plenum umgewandelt. 

Durchführung der Erprobung

Der Projekttag wurde von der Kursleiterin Nasrin Siege allein durchgeführt. Die Module dauerten jeweils zwischen 15 und 20 Minuten, alle 20 Minuten wurde der Raum gelüftet und es wurden zwei längere Pausen von jeweils 15 Minuten eingebaut. Inhaltlich waren die Module folgendermaßen strukturiert:

Bewertung der Erprobung

Alle Teilnehmer*innen des Kurses haben einen Migrationshintergrund und sind in ihren Heimatländern aufgewachsen. Aufgrund einiger schwieriger Lebensphasen sind sie mit verschiedenen Traumata konfrontiert. Dementsprechend diente die vorherige Absprache zwischen Nasrin Siege und der eigentlichen Lehrkraft dazu, während der Umsetzung für eine vertrauensvolle Atmosphäre zu sorgen und den TN möglichst viel Raum für Reflexion zu bieten.  

Viele Worte und Begriffe zum Thema „Identitäten und Zugehörigkeiten“ waren den Teilnehmer*innen neu und in einigen Fällen völlig unbekannt: Das Wort „Identität“ ist eng verknüpft mit der kulturell bedingten Sicht von Individualität und Kollektivität. In vielen Kulturkreisen wird das Individuum in erster Linie als Teil einer Gemeinschaft (z. B. Familie, Ethnie, Religion, Kaste, Geschlecht) definiert. Dabei tritt die Individualität und damit die individuelle Sicht auf das eigene Ich in den Hintergrund. Für TN erwies es sich als schwierig, die Bedeutungen von Wörtern zu verstehen, wenn sie diese nicht aus ihrer Muttersprache kannten – Workshops wie diese können helfen, sich neu zu sehen bzw. sich neu zu orientieren. Befassen sich TN mit der eigenen Identität, heißt dies, dass sie sich als Individuum sehen lernen, die eigene Biografie von außen betrachten und aktiv Perspektiven für eine Zukunft aufbauen können.

„Ich habe heute mich gesehen. Das war ganz neu für mich.“, „Ich bin stolz auf mich, dass ich in meinem Leben so viel geschafft habe.“, „Ich bin mit dem Boot hierhergekommen! Ich bin stolz darauf, weil ich das geschafft habe! Ich sehe mich jetzt ganz anders als vorher … wer ich bin, was ich kann, was ich erreicht habe … und ich will auch ich sein!“, „Das Leben ist wie ein Fluss … mein Leben ist wie ein Fluss. Ich mag das, weil ich noch viel lernen will!“ – Äußerungen von Teilnehmenden, die zeigen, dass die Umsetzung des Kurskonzepts weitreichende Auswirkungen auf ihre Selbstwahrnehmung hatte. So betont Nasrin Siege, dass zu Beginn des Projekttags zunächst das eigene „Weiterkommen“ als Ziel im Dienst der Familien formuliert wurde. Im Zuge der Gespräche fügten die TN sich selbst hinzu: „Ich will ich sein.“ Priorität hatte häufig der Wunsch nach bzw. das stolze Gefühl von einer meist hart erkämpften Selbstständigkeit.

Im Laufe des Projektvormittags öffneten sich die TN und erzählten der Gruppe von sich sowie von ihren schwierigen Erfahrungen. Es war spürbar, dass sich alle dabei wohlfühlten und Freude an den gemeinsamen Gesprächen hatten. Die Einbeziehung von poetischen Ausdrucksformen mit Beispielen aus der Lyrik und Literatur erwies sich als sehr inspirierend und motivierend für die TN.

Weitere Planungen und Hinweise (Anmerkungen von Ute Schlagehan, vhs Frankfurt am Main)

Die äußerst positiven Rückmeldungen der TN und der Kursleiterin führen zu Überlegungen, sowohl eine Fortsetzung des Themas in dieser Gruppe im nächsten Jahr anzudenken als auch weitere Zielgruppen anzusprechen. Wichtige Denkanstöße konnten am Projekttag nur kurz angesprochen werden, es besteht aber der Wunsch, diesen „Faden“ weiterzuspinnen.  

Die Autorin Nasrin Siege befasst sich seit vielen Jahren u. a. auch in ihrem literarischen Werk mit den Themen „Identität“ und „Selbstbewusstsein“. Aufgrund ihrer Authentizität und ihrer eigenen Erlebnisse entstand eine wertschätzende Atmosphäre im Kurs. Es ist als ein besonders glücklicher Umstand zu werten, dass Nasrin Siege als Kursleiterin für dieses Kurskonzept gewonnen werden konnte und weitere Durchführungen mit ihr in Planung sind.  Mehr Infos gibt es auf der  Homepage von Nasrin Siege.

Weitere Informationen

Prävention und Gesellschaftlicher Zusammenhalt (PGZ)

Erläuterungen und Hinweise

Bildnachweise

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  • Prävention und Gesellschaftlicher Zusammenhalt / DVV