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„Das ist unser Raum.” – Wie Politische Jugendbildung Mädchen* im ländlichen Raum stärkt

Mit einem Empowerment-Workshop in Breidenbach und Dautphetal hat die vhs Marburg-Biedenkopf einen geschützten Raum geschaffen, in dem Mädchen* ihre Erfahrungen teilen, gesellschaftliche Strukturen hinterfragen und ihre eigene Haltung entwickeln konnten.

Zwei Tage lang wurde in Breidenbach diskutiert, gefragt, ausprobiert und gestaltet. Die Teilnehmerinnen sprachen über Geschlechterrollen, Körperbilder, ihre Wahrnehmung von Frausein in der heutigen Gesellschaft, analysierten Werbung, bezogen Position zu gesellschaftlichen Fragen und setzten ihre Gedanken in Collagen und Zeichnungen um. Was dabei entstand, war mehr als ein Workshop: ein Raum, in dem Mädchen* offen über Fragen sprechen konnten, für die im Alltag oft wenig Platz ist.

Der Empowerment-Workshop der vhs Marburg-Biedenkopf (Öffnet in einem neuen Tab) richtete sich gezielt an Mädchen* im ländlichen Raum. Gefördert wurde das Projekt über die Zentralstelle für Politische Jugendbildung im Deutschen Volkshochschul-Verband (DVV) aus Mitteln des Kinder- und Jugendplans des Bundes. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie Mädchen* darin unterstützt werden können, ihre eigenen Erfahrungen einzuordnen, gesellschaftliche Rollenbilder zu hinterfragen und eine eigene Haltung zu entwickeln.

Von der Idee zum Projekt

Die Idee für den Workshop entstand auf einem Vernetzungstreffen. Dort kamen die Programmbereichsleiterin der jungen vhs Marburg-Biedenkopf, Susann Hutfilter, und die Gründerinnen des Vereins Girls*Unite e.V. (Öffnet in einem neuen Tab) ins Gespräch. Schnell wurde deutlich, dass sie dieselbe Beobachtung teilen: Gerade im ländlichen Raum fehlen Angebote, die Mädchen* gezielt ansprechen und ihnen geschützte Räume für Austausch, Reflexion und politische Bildung eröffnen.

„Girls*Unite hat es sich zur Aufgabe gemacht, Mädchen* zu vernetzen und sie dabei zu unterstützen, eine eigene Haltung zu finden und diese in der Gesellschaft auch zu vertreten“, berichtet Susann Hutfilter. „Die junge vhs hat die Kontakte und die Infrastruktur, um diese Bildungsarbeit auch im ländlichen Raum zu ermöglichen. Damit haben sich zwei Perspektiven gefunden, die sich gut ergänzen.“

Aus diesem Austausch entwickelte die vhs Marburg-Biedenkopf das Workshopangebot. Als Referentinnen konnten die Gründerinnen von Girls*Unite gewonnen werden, die ihre Erfahrungen aus der mädchenpolitischen Bildungsarbeit in die Konzeption und Umsetzung einbrachten. Breidenbach wurde dabei bewusst als Veranstaltungsort gewählt. Gerade in kleineren Gemeinden fehle es häufig an Orten, an denen Mädchen* Denk- und Erlebnisräume zur Bearbeitung ihrer Fragen hätten, so Susann Hutfilter.

Gesellschaftliche Fragen an der eigenen Lebenswelt bearbeiten

Die beiden Workshoptage verbanden Information, Diskussion, Reflexion und kreative Methoden miteinander. Nach einer gemeinsamen Kennenlernphase und ersten Übungen zum Ankommen konnten die Teilnehmerinnen Themen benennen, die sie besonders interessierten oder im Alltag beschäftigten. Diese Fragen wurden im weiteren Verlauf immer wieder aufgegriffen und sorgten für eine klare Orientierung an den Bedürfnissen der Gruppe.

Ein interaktives Quiz bildete den Einstieg in Themen wie Geschlechterrollen, Menstruation, Gender Pay Gap, Mental Load oder Care-Arbeit. Die Mädchen* bewegten sich frei im Raum, beantworteten Fragen mit Klebepunkten und diskutierten anschließend gemeinsam über die Ergebnisse. Ergänzende Infokarten lieferten Hintergrundwissen und wurden von den Teilnehmerinnen selbst vorgestellt.

Im Anschluss ging es darum, gesellschaftliche Strukturen im Alltag sichtbar zu machen. Beim sogenannten „Barometer“ positionierten sie sich zu ethischen und sozialen Themen wie Fairness und Geschlechterrollen und kamen darüber miteinander ins Gespräch. Unterschiedliche Meinungen waren dabei ausdrücklich erwünscht und wurden als Ausgangspunkt für die gemeinsame Reflexion genutzt. Anhand von Werbeanzeigen und anderen Bildmaterialien analysierten die Mädchen* daraufhin, wie die zuvor behandelten Themen dort sichtbar wurden. Diese Methode förderte das kritische Denken und zeigte auf, wie tief verwurzelt stereotype Darstellungen in der Gesellschaft sind.

Ein besonderer Schwerpunkt lag auf dem Austausch persönlicher Erfahrungen. Immer wieder entstand Raum für Gespräche über Fragen, die die Teilnehmerinnen selbst einbrachten – etwa zu Körperbildern, Grenzerfahrungen oder sexueller Belästigung. Viele dieser Themen wurden spontan aufgegriffen und im Verlauf weiter vertieft.

Am zweiten Workshoptag nahm die kreative Auseinandersetzung viel Raum ein. Die Teilnehmerinnen konnten malen und Collagen gestalten und dabei aufgreifen, was sie am ersten Tag beschäftigt hatte. Die kreativen Arbeiten boten eine andere Möglichkeit, Gedanken und Gefühle auszudrücken und die behandelten Themen weiter zu reflektieren. Anschließend konnten die Mädchen* ihre Werke vorstellen und erklären, welche Gedanken dahinterstanden. Die Arbeiten wurden gemeinsam betrachtet und in einer Galerie zusammengeführt.

„Es hat uns begeistert, mit welchem Mut und Gestaltungswillen die Mädchen* ihre Erkenntnisse in kreative Werke umgesetzt haben“, erzählt Susann Hutfilter.

Die Kreativphase war damit nicht nur eine Auflockerung des Programms – sie gab den Teilnehmerinnen vielmehr die Möglichkeit, ihre eigene Haltung sichtbar zu machen und sich mit den Perspektiven der Anderen auseinanderzusetzen.

Warum Empowerment politische Bildung ist

Die Erfahrungen aus dem Workshop zeigen auch, warum Empowerment von Mädchen* gerade aktuell eine wichtige Aufgabe politischer Jugendbildung ist. Junge Menschen wachsen heute in einer Zeit auf, in der soziale Medien ihr Selbstbild und ihre Wahrnehmung gesellschaftlicher Normen stark beeinflussen. Gleichzeitig werden Fragen von Gleichberechtigung, Geschlechterrollen und sexueller Selbstbestimmung kontrovers diskutiert. Hinzu kommen gesellschaftliche Krisen und eine zunehmende Polarisierung.

Für Susann Hutfilter ist diese Arbeit deshalb aktueller denn je: „Gerade jetzt ist Empowerment von Mädchen* besonders wichtig, weil sich mehrere gesellschaftliche Entwicklungen überlagern und bestehende Ungleichheiten teilweise wieder verstärken. Die Stärkung der Zielgruppe kann dazu beitragen, dass Mädchen* ihre Handlungsspielräume erweitern, ihre Rechte kennen und selbstbewusst ihren eigenen Weg gehen – und damit auch die gesellschaftliche Zukunft mitprägen.” Sie betont: „Mädchen* brauchen Orte, an denen sie sich ausprobieren, austauschen und stärken können – unabhängig von Rollenklischees und gesellschaftlichen Erwartungen. Mädchenpolitische Bildungsarbeit schafft die Voraussetzungen für Selbstbestimmung, Chancengerechtigkeit und demokratische Teilhabe.”

Räume schaffen für einen offenen Austausch

„Viele der Mädchen* haben in ihrem schulischen und privaten Leben keine Räume, in denen sie Fragen rund um das Mädchensein stellen können und sich ehrlich und geschützt über ihre Erfahrungen unterhalten können“, sagt Susann Hutfilter. Sobald deutlich wurde, dass ihre Fragen ernst genommen werden und niemand bewertet wird, entwickelte sich ein offener Austausch.

Besonders auffällig war, wie viele Mädchen* unsicher sind, wenn ihre eigenen Grenzen überschritten werden. Es hat uns bewegt, wie schnell sie sich geöffnet haben, als klar war, dass das ihr Raum ist und sie hier kompetente und zugewandte Kursleitungen haben, die mit ihnen offen über gesellschaftliche Tabuthemen sprechen.

Susann Hutfilter, Programmbereichsleiterin der jungen vhs Marburg-Biedenkopf

Für die Referentinnen war vor allem die Offenheit überraschend, mit der die Teilnehmerinnen über Erfahrungen mit sexueller Belästigung oder Sexismus sprachen. Gleichzeitig wurde deutlich, dass viele zunächst keine Begriffe hatten, um ihre Erlebnisse einzuordnen.

Genau hier konnte der Workshop ansetzen: Persönliche Erfahrungen wurden nicht isoliert betrachtet, sondern in einen größeren gesellschaftlichen Zusammenhang eingeordnet. Die Mädchen* lernten, dass viele Herausforderungen, die sie als individuell erleben, Ausdruck gesellschaftlicher Strukturen sind – und dass diese hinterfragt und verändert werden können.

Politische Jugendbildung braucht Zeit und Vertrauen

Die Erfahrungen aus Breidenbach zeigen, dass politische Jugendbildung dort besonders wirksam wird, wo junge Menschen ernst genommen werden und Zeit haben, ihre Fragen gemeinsam zu bearbeiten. Die Rückmeldungen der Eltern sowie der Wunsch vieler Teilnehmerinnen nach einer Fortsetzung machten deutlich, wie groß der Bedarf an solchen Angeboten ist. 

„Junge Menschen brauchen geschützte Räume, in denen sie behutsam und zugewandt Meinungsbildung betreiben können. Sie brauchen Menschen, die ihnen verschiedene Perspektiven anbieten, die sie ernst nehmen in ihren Fragen, Emotionen und Unsicherheiten und die bereit sind, von ihren eigenen Erfahrungen zu berichten, anstatt nur zu belehren“, so Susann Hutfilter.

Die vhs Marburg-Biedenkopf möchte das Format, das bereits 2024 umgesetzt wurde, deshalb weiterentwickeln und perspektivisch auch an weiteren Standorten im Landkreis anbieten.

Das Projekt demonstriert, dass politische Jugendbildung an den Lebenswelten junger Menschen ansetzen kann. Die Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen, Gleichberechtigung oder sexueller Belästigung vermittelt nicht nur Wissen über gesellschaftliche Zusammenhänge. Sie eröffnet jungen Menschen die Möglichkeit, eigene Erfahrungen einzuordnen, unterschiedliche Perspektiven kennenzulernen und eine eigene Haltung zu entwickeln. Gerade in ländlichen Regionen, in denen entsprechende Angebote oft fehlen, können solche Formate wichtige Räume für Austausch und Orientierung schaffen.


„Mädchen*” meint alle, die sich als Mädchen oder dem weiblichen Geschlecht zugehörig fühlen. Mit dem Sternchen soll sichtbar gemacht werden, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt. Zum Beispiel gibt es inter, trans, agender, nicht-binäre Personen und noch viele weitere. Manche Personen ordnen sich nicht einem bestimmten Geschlecht zu, manche auch gar keinem und manche mehreren. Manche Menschen identifizieren sich mit einem anderen Geschlecht als dem, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. (Quelle: genderqualifizierungsoffsensive.de) (Öffnet in einem neuen Tab)

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