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Menschen auf dem Land wollen Transformation mitgestalten und Traditionen erhalten. Das erfordert Fähigkeiten und Kompetenzen. Die Volkshochschulen sorgen dafür, dass Menschen in ländliche Regionen erreichbarer Nähe lernen können, was sie in Beruf und Alltag brauchen. Volkshochschulen helfen, Dörfer und kleine Städte vital und attraktiv zu machen. Dadurch wirken sie auch der Entfremdung zwischen urbanen und ländlichen lokalen Gesellschaften und der politischen Instrumentalisierung von Stadt-Land-Gegensätzen durch Populist*innen entgegen.
Im #zukunftsort_vhs 2026 berichten wir über Volkshochschulen in kleinen Städten und ländlichen Gemeinden: wie sie Zukunftskompetenz vermitteln, regionale Kultur pflegen und Identität stärken, die ohne identitäre Abgrenzung auskommt.
Wo ein WIR entsteht
Das talentCAMPus-Projekt der vhs Krempe lässt junge Menschen auf dem Land zusammen wachsen
„Was sind wir?“ Fünfzehn Kinder drängen sich in der Turnhalle der Gemeinde Rethwisch zusammen. Hände übereinander. Ein kurzer Blick in die Runde. Dann schallt es laut durch den Raum: „Ein Team!“ Die Hände schnellen nach oben. Gelächter. Für einen Moment löst sich der Kreis auf, dann setzen die ersten Takte Musik ein.
„Du gehörst dazu …“ – einige Kinder singen sofort mit. Andere schauen erst zu ihren Nachbar*innen, bevor sie leise einsetzen. Manche kennen den Text längst, andere lernen ihn erst in diesen Tagen. Schon nach wenigen Takten sind die Unterschiede kaum noch zu hören.
Es ist Montagmorgen im Gemeindezentrum Rethwisch. Die Sommerferien haben gerade begonnen. Eine Woche lang werden die Kinder gemeinsam Theater spielen, tanzen, singen und die Geschichte des kleinen „WIR“ aus dem Bilderbuch von Daniela Kunkel auf die Bühne bringen. Noch kennen sie sich nicht alle. Manche kommen aus demselben Ort, andere sehen sich heute zum ersten Mal. Das Buch erzählt von einem unsichtbaren kleinen Wesen – dem WIR. Es entsteht immer dann, wenn Menschen freundlich miteinander umgehen, einander zuhören, gemeinsam spielen, helfen oder lachen. Das WIR wächst durch Vertrauen und gemeinsame Erfahrungen. Werden Menschen gemein zueinander oder schließen andere aus, wird das WIR kleiner. Kümmern sie sich wieder umeinander, wächst es erneut.
Die Botschaft ist einfach: Gemeinschaft entsteht nicht von selbst. Sie wird durch das Miteinander geschaffen.
Mitten im Trubel – ein gemeinsames Stück entsteht
Die Kursleiterin Steffi steht nicht still. Während die Musik läuft, wandert ihr Blick durch den Raum. Sie nickt einem Kind zu, das seinen Einsatz sucht, rückt die Aufstellung einer kleinen Gruppe zurecht, beantwortet nebenbei eine Frage, hebt eine Requisite auf und ist schon wieder woanders. Steffi hat sich das Projekt selbst ausgedacht. Aus Liedern, Spielszenen und vielen Ideen ist ein Stück entstanden, das sich gemeinsam mit der Gruppe weiterentwickelt. Jeden Tag verändert sich etwas. Eine Szene wird länger, ein Dialog kürzer, eine Idee eines Kindes findet ihren Platz in der Aufführung.
Steffi ist in der Krempermarsch zu Hause. Viele der Kinder oder ihre Geschwister kennt sie aus früheren Projekten, manche kommen Jahr für Jahr wieder. Aus einer Ferienwoche sind über die Jahre Beziehungen entstanden, die weit über den letzten Applaus hinausreichen. Während Steffi bereits die nächste Szene vorbereitet, verteilt Kursleiterin Laura Kostüme, beantwortet Fragen und zeigt einer kleinen Gruppe noch einmal die nächsten Bewegungen. Vor einigen Jahren stand sie selbst als Teilnehmerin auf dieser Bühne. Heute begleitet sie Kinder, die ihre ersten Bühnenerfahrungen machen. Ihr Weg zeigt, was aus solchen wiederkehrenden Angeboten entstehen kann: Aus einer Teilnehmerin ist eine junge Frau geworden, die heute selbst Verantwortung übernimmt.
Mehr als weite Felder: die Krempermarsch als Netzwerk
Die Straße nach Krempe führt vorbei an Feldern, Wiesen und kleinen Dörfern. Die Landschaft der Krempermarsch wirkt weit. Orte liegen nur wenige Kilometer auseinander – und doch ist vieles nicht einfach um die nächste Ecke zu finden.
Rund 9.500 Menschen leben in den zehn Gemeinden des Amtes Krempermarsch. Wie sich ihre Zahl bis 2040 entwickelt, hängt stark davon ab, wie viele Menschen künftig zuziehen. Die aktuelle Bevölkerungsprognose des Kreises Steinburg rechnet deshalb mit unterschiedlichen Szenarien. In einem Punkt weisen sie jedoch in dieselbe Richtung: Die Bevölkerung wird älter, die Zahl der Kinder und Jugendlichen geht zurück. Auch eine stärkere Zuwanderung kann diese Entwicklung abmildern, aber nicht grundsätzlich umkehren.
Was es bedeutet, hier jung zu sein, lässt sich aber nicht allein an Bevölkerungszahlen ablesen. Grundschulen gibt es in Krempe, Kremperheide und Rethwisch. Mit dem Wechsel auf eine weiterführende Schule werden die Wege länger. Auch außerhalb der Schule gibt es Orte für junge Menschen: Jugendtreffs, Sportvereine, Jugendfeuerwehren, kirchliche Jugendarbeit und andere lokale Angebote. Doch sie verteilen sich auf die verschiedenen Gemeinden. Auf dem Land aufzuwachsen bedeutet also nicht automatisch, weniger Möglichkeiten zu haben. Es bedeutet aber häufig, dass die nächste Möglichkeit nicht vor der eigenen Haustür liegt. Erreichbarkeit wird zu einer Voraussetzung für Teilhabe.
Vielleicht spielen Beziehungen auch deshalb eine so große Rolle. Man muss wissen, was es wo gibt. Wer eine Idee hat. Wer einen Raum zur Verfügung stellen kann. Wer Technik besitzt. Und wer jemanden kennt, der weiterhelfen kann.
Maria Meiners-Gefken, Leiterin der vhs Krempe, kennt diese Region seit vielen Jahren. Sie erzählt kaum von Förderprogrammen oder Organisationsplänen. Sie spricht von Menschen. Wer mit wem zusammenarbeitet. Wer Ideen hat. Wer hilft, wenn Hilfe gebraucht wird. Von sich selbst erzählt sie wenig. Dass viele dieser Verbindungen auf sie zurückgehen, erwähnt sie nicht.
Wer länger in der Krempermarsch unterwegs ist, merkt schnell: Orientierung geben hier nicht nur Straßen und Ortsgrenzen, sondern auch Menschen, die einander kennen. Die Volkshochschule ist einer der Orte, an denen solche Verbindungen entstehen, gepflegt und für neue Ideen genutzt werden.
„Wir können fast alles selber. Oder wir finden einen, der das kann. Wir profitieren hier enorm von einem eng verbundenen Netzwerk“, sagt Meiners-Gefken. Diese Aussage beschreibt ziemlich genau, wie die vhs Krempe arbeitet. Auch die Theaterwoche entsteht nicht aus der Arbeit einer einzelnen Einrichtung. Der Deutsche Familienverband unterstützt bei der Ansprache der Teilnehmer*innen. Der soziokulturelle Verein LandKULTUR bringt Technik und Erfahrung ein. Ehrenamtliche übernehmen Aufgaben hinter der Bühne. Die Gemeinde stellt Räume zur Verfügung. Die Volkshochschule bringt diese Möglichkeiten zusammen – und aus ihnen entsteht ein Angebot.
Die Infrastruktur von Kultur und Miteinander
„Die Headsets sind da!“ Sofort bildet sich eine Traube neugieriger Kinder um mehrere Transportkisten. Mit den Kisten kommen auch Eckard, den alle nur Ekki nennen, und Reinhard. Sender werden verteilt, Bügelmikrofone angepasst, Kabel hinter die Ohren geführt. Für viele Kinder ist es das erste Mal, dass sie mit professioneller Bühnentechnik arbeiten. Sie fühlen sich spontan wie Stars.
Ein Mikrofon knistert. „Jetzt noch mal“, sagt Ekki. Das Mädchen spricht,wieder knistert es. „Aber wenn ich atme, kommt das Geräusch von ganz alleine“, sagt sie verzweifelt. Reinhard lacht, richtet das Kabel noch einmal. Diesmal funktioniert alles.
Die Technik gehört nicht der Volkshochschule. Sie stammt vom Verein LandKULTUR, der beispielsweise Veranstaltungstechnik anschafft und sie Vereinen, Initiativen und Kulturprojekten in der Krempermarsch zur Verfügung stellt. Gerade in einer Region aus vielen kleinen Orten muss so nicht jede Gemeinde und jede Initiative alles selbst vorhalten. Was heute diese Theaterwoche ermöglicht, kommt morgen vielleicht beim Dorffest, einem Konzert oder einem anderen Kulturprojekt zum Einsatz. Infrastruktur entsteht hier nicht nebenbei – sie wird gemeinsam aufgebaut und genutzt.
Das WIR zeigt sich – im Stück und in den Menschen
Der Saal füllt sich. Eltern, Großeltern, Geschwister und Freund*innen nehmen Platz. Hinter dem Vorhang spähen die Kinder durch einen schmalen Spalt. „Meine Oma ist da!“, ruft eine. „Da sitzt mein Papa“, sagt ein anderer und zeigt aufgeregt in den Zuschauerraum. Die Nervosität ist mit Händen zu greifen. Noch einmal versammeln sich alle im Kreis. „Was sind wir?“ – „Ein Team!“ Diesmal kommt die Antwort laut und selbstverständlich.
Wer das Bilderbuch „Das kleine WIR“ kennt, erinnert sich an den Moment, in dem das WIR nach einem Streit fast verschwindet und erst wieder wächst, als Ben und Emma wieder aufeinander zugehen. In dieser Theaterwoche musste niemand gesucht oder versöhnt werden. Aber aus vielen einzelnen Kindern heraus ist Tag für Tag etwas Gemeinsames entstanden. Vielleicht ist genau das die eigentliche Geschichte.
Der Vorhang öffnet sich. Das Spiel beginnt. Nicht alles ist perfekt. Mal kommt ein Einsatz zu früh, mal liegt eine Requisite nicht am richtigen Platz. Ein kurzer Blick, ein leises Zeichen – und es geht weiter. Die Kinder helfen sich gegenseitig, bleiben in ihren Rollen und tragen das Stück gemeinsam. Im Publikum wird gelacht und mitgefiebert. Zum Schluss erklingt noch einmal das Lied, das die Woche eröffnet hat: „Wo ich bin, da will ich bleiben …“ und alle tanzen dazu. Applaus.
Der Vorhang fällt, das WIR wächst weiter
Nach dem Applaus beginnt der Abbau. Der Vorhang verschwindet als Erster. Mikrofone werden ausgeschaltet und eingesammelt, Kabel aufgerollt, Kostüme wandern zurück in Kisten. Ekki und Reinhard verstauen die Headsets. Die Bühne wird wieder zur Turnhalle.
Währenddessen fallen Kinder ihren Eltern und Großeltern in die Arme. Alle reden durcheinander, erzählen von ihren Lieblingsszenen und dem Applaus. Steffi und ihr Team versammeln die Gruppe ein letztes Mal im Kreis. Sie bedanken sich dafür, dass sich alle auf die Bühne getraut haben. Einen Moment bleibt es still. Dann meldet sich ein Kind: „Ich dachte, das wird etwas peinlich wirken. Aber auf der Bühne muss es vielleicht manchmal peinlich wirken.“
Bald werden der Vorhang, die Requisiten und die Headsets wieder ausgepackt – vielleicht in einem anderen Dorf der Krempermarsch, vielleicht in einer anderen Turnhalle. Wieder wird ein Kind zum ersten Mal auf einer Bühne stehen. Und wieder wird jemand fragen: „Was sind wir?“
Was talentCAMPus im ländlichen Raum ermöglicht
Wer nur die Aufführung sieht, sieht nur einen Ausschnitt von der Arbeit der Volkshochschule vor Ort. Ihre eigentliche Leistung beginnt lange vor dem ersten Probentag und endet nicht mit dem letzten Applaus. In Krempe zeigt sich exemplarisch, was das außerschulische Ferienbildungskonzept talentCAMPus im ländlichen Raum ermöglichen kann – und welche besondere Ressource Volkshochschulen dabei einbringen: ihre Verankerung vor Ort. Sie kennen die Menschen und Partner*innen, bringen vorhandene Möglichkeiten zusammen und schaffen verlässliche Kooperationen. So können aus Räumen, Ideen, ehrenamtlichem Engagement, Technik und Fördermitteln kulturelle Bildungsangebote entstehen, die Kinder und Jugendliche erreichen. Gerade dort, wo nicht alles an einem Ort vorhanden ist, kann diese verbindende Rolle den Unterschied machen.
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Alle Praxisbeispiele: #zukunftsort_vhs: Lernen auf dem Land
Über die Storytelling-Kampagne
#zukunftsort_vhs: Lernen auf dem Land
91 Prozent der Fläche Deutschlands sind ländlich geprägt. Über die Hälfte der Menschen in Deutschland lebt in ländlichen Regionen. Diese Regionen sind so unterschiedlich wie Wattenmeer und Hochgebirge, und die Zukunftsszenarien gehen weit auseinander: Wirtschaftlich starke ländliche Gegenden profitieren vom Zuzug aus den Großstädten, während andere Regionen bis 2045 noch einmal jeden fünften Einwohner verlieren dürften. Die einen haben somit auch weit bessere Chancen als die anderen, ihren Bedarf an Arbeits- und Fachkräften zu decken.
Die ländliche Gesellschaft verändert sich. So hat sich der Anteil der Bevölkerung ohne deutsche Staatsangehörigkeit in ländlichen Räumen seit 2011 mehr als verdoppelt. Manches bleibt aber auch gleich. Zum Beispiel, dass kleine Städte und Dörfer in hohem Maße auf das ehrenamtliche Engagement ihrer Bürger*innen angewiesen sind: bei der Freiwilligen Feuerwehr, in Vereinen und Kirchengemeinden, aber auch in der Kommunalpolitik.
Menschen in ländlichen Regionen wollen Transformation mitgestalten und Traditionen erhalten. Das erfordert Fähigkeiten und Kompetenzen. Bei der Organisation des Vereinslebens ist der sichere Umgang mit digitalen Tools ebenso gefragt wie am Arbeitsplatz. Ökologische und ökonomische Kenntnisse sind in der Landwirtschaft wichtig, aber auch beim Bau eines Eigenheims. Und noch dringender als in den Städten brauchen Zugewanderte in ländlichen Gegenden die Möglichkeit, schnell Deutsch zu lernen, um vor Ort Arbeit und Anschluss zu finden.
Die Volkshochschulen sorgen dafür, dass Menschen auf dem Land in erreichbarer Nähe lernen können, was sie in Beruf und Alltag brauchen. Vhs helfen, ländliche Regionen vital und attraktiv zu machen. Dadurch wirken sie auch der Entfremdung zwischen urbanen und ländlichen lokalen Gesellschaften und der politischen Instrumentalisierung von Stadt-Land-Gegensätzen durch Populist*innen entgegen. Im #zukunftsort_vhs 2026 berichten wir über Volkshochschulen in kleinen Städten und ländlichen Gemeinden: wie sie Zukunftskompetenz vermitteln, regionale Kultur pflegen und Identität stärken, die ohne identitäre Abgrenzung auskommt.
