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Menschen auf dem Land wollen Transformation mitgestalten und Traditionen erhalten. Das erfordert Fähigkeiten und Kompetenzen. Die Volkshochschulen sorgen dafür, dass Menschen in ländliche Regionen erreichbarer Nähe lernen können, was sie in Beruf und Alltag brauchen. Volkshochschulen helfen, Dörfer und kleine Städte vital und attraktiv zu machen. Dadurch wirken sie auch der Entfremdung zwischen urbanen und ländlichen lokalen Gesellschaften und der politischen Instrumentalisierung von Stadt-Land-Gegensätzen durch Populist*innen entgegen.
Im #zukunftsort_vhs 2026 berichten wir über Volkshochschulen in kleinen Städten und ländlichen Gemeinden: wie sie Zukunftskompetenz vermitteln, regionale Kultur pflegen und Identität stärken, die ohne identitäre Abgrenzung auskommt.
Lasst die Bildung im Dorf!
Die kvhs Mansfeld-Südharz bringt Bildung in ländliche (Sozial-)Räume
Rund 84 Millionen Menschen leben aktuell in Deutschland, mehr als je zuvor. Wie sich die Bevölkerungszahl in Zukunft entwickeln wird, ist jedoch ungewiss. Aktuelle Modellrechnungen des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung gehen zunächst von einem weiteren, leichten Anstieg aus, danach wird ein Bevölkerungsrückgang erwartet. Gewiss ist aber: Der demografische Wandel gestaltet sich in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich. Neben den Kommunen im Saarland schrumpfen vor allem die in den ostdeutschen Flächenländern stark – und werden es auch weiterhin tun. Zum Beispiel die Gemeinden im Landkreis Mansfeld-Südharz in Sachsen-Anhalt: Ihnen werden bis 2045 Verluste von über einem Drittel ihrer Bevölkerung vorausgesagt.
Gründe für diesen Rückgang sind schnell auszumachen. Vor allem dezentral, also ländlich gelegene Regionen wie Mansfeld-Südharz sind laut der Forschung für Abwanderung besonders gefährdet. Mit dem Rückgang des Kupferbergbaus um 1990 und dem Strukturwandel in der Industrie veränderte sich die wirtschaftliche Situation in Kreis Mansfeld-Südharz drastisch. Viele traditionelle Arbeitsplätze gingen verloren, große Teile der jungen Bevölkerung zog es in die Städte. Gleichzeitig finden wenig Zugewanderte den Weg in die ländlichen Gebiete Sachsen-Anhalts. Das wirkt sich auch auf den Altersdurchschnitt des Landkreises aus: Mit 50,4 Jahren ist Mansfeld-Südharz Spitzenreiter der ältesten Kommunen Deutschlands.
Bildung vor der Haustür: leichter gesagt als getan
Das Modellprojekt „Lasst die Bildung im Dorf“ wurde bereits 2020 ins Leben gerufen. Mit Förderung des Landes Sachsen-Anhalt sollten in möglichst allen elf Gemeinden von Mansfeld-Südharz Unterrichtsräume mit zeitgemäßer technischer Ausrüstung und modernem Mobiliar eingerichtet werden. Ob Dorfgemeinschaftsraum, Vereinsheim, Jugendclub oder alte Bibliothek: Die Räume sollten aus dem vorhandenen Gebäudebestand kommen. Ihre Nutzung sollte so geplant werden, dass neben der vhs auch andere Akteure in der Kommune wie zum Beispiel die Freiwillige Feuerwehr, Senioren- oder Jugendgruppen auf sie zugreifen können – natürlich kostenlos. Um möglichst sicherzugehen, dass die neugeschaffenen Angebote in den Räumen genutzt würden, wurden Menschen aus der Gegend befragt: Welche Themen würden auf Interesse stoßen? Und was stand einer Teilnahme vielleicht im Wege? Als Partner für die wissenschaftliche Evaluation des Projektes wurde das Zentrum für Sozialforschung Halle gewonnen.
Dann kam die Corona-Pandemie und machte einen Strich durch die Rechnung. Gerade einmal an zwei neu geschaffenen Standorten, in Wippra und Röblingen am See, wurden nach Wiedereröffnung der vhs im Herbst 2021 Kurse durchgeführt.
Zum Frühjahrssemester 2022 konnte das Kursangebot dann endlich ergänzt und auf fünf neue Räume in den Gemeinden Hayn, Mansfeld, Quenstedt, Benndorf und Edersleben ausgeweitet werden. Damit waren sieben von elf Gemeinden im Landkreis beteiligt. „Das ist vor allem dem großen Engagement unserer Ortsbürgermeister*innen zu verdanken“, sagt Janine Wenschuh.
Doch auch wenn Kursthemen wie „Schutz vor Eigentumskriminalität“, „Osterfloristik“ oder „Englisch für Einsteiger“ bei der Bedarfserhebung ausdrücklich gewünscht worden waren – die Nachfrage war weiterhin gering. „Der Anfang war unbefriedigend“, erinnert sich Janine Wenschuh, „aber das galt nach der Pandemie auch für die Teilnahmerzahlen des regulären vhs-Kursbetriebs“. Doch konnten in dieser Phase wertvolle Erfahrungen gemacht werden, zum Beispiel hinsichtlich der Werbung für die Angebote und der Akquise von Kursleiter*innen. Auch erkannte das vhs-Team, dass Preise eine große Rolle spielen: Aufgrund der schwachen Kaufkraft in der Region sind oftmals schon die geringen Gebühren der Volkshochschule ein Problem. Zudem werden Angebote, die sich über mehrere Wochen erstrecken, weniger gebucht: Die Verbindlichkeit lässt viele zögern, auch, weil es oftmals vorher noch gar keine Berührung mit der Volkshochschule gab: “Wir möchten neugierig machen auf das Prinzip des Lebenslangen Lernens, die Verbindung von Tradition und Innovation, kurz: auf die Idee vhs“, erklärt Janine Wenschuh.
Gemeinsam für Bildung, Bewegung und Begegnung – nicht nur in der Stadt
Die Überzeugung, dass das Projekt mit den richtigen Feinjustierungen doch funktionieren könne, führte im Jahr 2025 zu einem groß angelegten Wiederbelebungsversuch. Mit dem Just Transition Center (Öffnet in einem neuen Tab) der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und dem Wissensspeicher Mansfeld-Südharz (Öffnet in einem neuen Tab) konnten zwei Partner gewonnen werden, die mit ihren Ressourcen und ihrem Netzwerk für neuen Anschub und Aufmerksamkeit sorgen. Das zeigte sich schon bei der gut besuchten, feierlichen Eröffnung der vhs-Außenstelle im Gemeindezentrum in Quenstedt im Januar dieses Jahres. Heute ist das Kursangebot – Bewegung, Sprachen, Gesundheit und digitale Bildung – gut gebucht. „Die Menschen kommen hier zusammen und motivieren sich gegenseitig, dranzubleiben oder etwas Neues auszuprobieren. Davon profitieren auch Personen, die vorher noch nicht so viel soziale Anbindung hatten“, erzählt Janine Wenschuh.
Für den Erfolg sorgen nicht zuletzt die Erkenntnisse aus den schwierigen ersten Jahren. Engagierte Menschen aus den jeweiligen Gemeinden werden nun unmittelbar angesprochen und ermutigt, als Dozent*innen tätig zu werden. Örtliche Sponsoren übernehmen Teilnahmegebühren. Kurse werden zunächst als Schnuppermöglichkeit geplant und dann langsam mit Anschlussformaten ergänzt. Die Sichtbarkeit von Volkshochschule wird durch gezielte Werbemaßnahmen und den direkten Draht zu den lokalen Akteuren erhöht. Aber vor allem wird das Gemeinschaftsgefühl und das Selbstbewusstsein der Landkreisbewohner*innen gestärkt. Das kommt gut an, denn trotz aller Probleme in der Region bleibt die Heimatverbundenheit groß.
Und so füllen sich die neuen vhs-Anlaufstellen in Mansfeld-Südharz doch noch mit viel Leben.
Weitere Informationen
- Projektinformationen auf der Website der kvhs Mansfeld-Südharz (externe Seite) (Öffnet in einem neuen Tab)
- Zur Projektseite des Just Transition Centers (externe Seite) (Öffnet in einem neuen Tab)
- Zum Projektporträt des Wissensspeichers MSH (externe Seite) (Öffnet in einem neuen Tab)
- Zum MDR-Beitrag über die Eröffnung der vhs-Außenstelle in Quenstedt (externe Seite) (Öffnet in einem neuen Tab)
Alle Praxisbeispiele: #zukunftsort_vhs: Lernen auf dem Land
Über die Storytelling-Kampagne
#zukunftsort_vhs: Lernen auf dem Land
91 Prozent der Fläche Deutschlands sind ländlich geprägt. Über die Hälfte der Menschen in Deutschland lebt in ländlichen Regionen. Diese Regionen sind so unterschiedlich wie Wattenmeer und Hochgebirge, und die Zukunftsszenarien gehen weit auseinander: Wirtschaftlich starke ländliche Gegenden profitieren vom Zuzug aus den Großstädten, während andere Regionen bis 2045 noch einmal jeden fünften Einwohner verlieren dürften. Die einen haben somit auch weit bessere Chancen als die anderen, ihren Bedarf an Arbeits- und Fachkräften zu decken.
Die ländliche Gesellschaft verändert sich. So hat sich der Anteil der Bevölkerung ohne deutsche Staatsangehörigkeit in ländlichen Räumen seit 2011 mehr als verdoppelt. Manches bleibt aber auch gleich. Zum Beispiel, dass kleine Städte und Dörfer in hohem Maße auf das ehrenamtliche Engagement ihrer Bürger*innen angewiesen sind: bei der Freiwilligen Feuerwehr, in Vereinen und Kirchengemeinden, aber auch in der Kommunalpolitik.
Menschen in ländlichen Regionen wollen Transformation mitgestalten und Traditionen erhalten. Das erfordert Fähigkeiten und Kompetenzen. Bei der Organisation des Vereinslebens ist der sichere Umgang mit digitalen Tools ebenso gefragt wie am Arbeitsplatz. Ökologische und ökonomische Kenntnisse sind in der Landwirtschaft wichtig, aber auch beim Bau eines Eigenheims. Und noch dringender als in den Städten brauchen Zugewanderte in ländlichen Gegenden die Möglichkeit, schnell Deutsch zu lernen, um vor Ort Arbeit und Anschluss zu finden.
Die Volkshochschulen sorgen dafür, dass Menschen auf dem Land in erreichbarer Nähe lernen können, was sie in Beruf und Alltag brauchen. Vhs helfen, ländliche Regionen vital und attraktiv zu machen. Dadurch wirken sie auch der Entfremdung zwischen urbanen und ländlichen lokalen Gesellschaften und der politischen Instrumentalisierung von Stadt-Land-Gegensätzen durch Populist*innen entgegen. Im #zukunftsort_vhs 2026 berichten wir über Volkshochschulen in kleinen Städten und ländlichen Gemeinden: wie sie Zukunftskompetenz vermitteln, regionale Kultur pflegen und Identität stärken, die ohne identitäre Abgrenzung auskommt.
