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Menschen auf dem Land wollen Transformation mitgestalten und Traditionen erhalten. Das erfordert Fähigkeiten und Kompetenzen. Die Volkshochschulen sorgen dafür, dass Menschen in ländliche Regionen erreichbarer Nähe lernen können, was sie in Beruf und Alltag brauchen. Volkshochschulen helfen, Dörfer und kleine Städte vital und attraktiv zu machen. Dadurch wirken sie auch der Entfremdung zwischen urbanen und ländlichen lokalen Gesellschaften und der politischen Instrumentalisierung von Stadt-Land-Gegensätzen durch Populist*innen entgegen.
Im #zukunftsort_vhs 2026 berichten wir über Volkshochschulen in kleinen Städten und ländlichen Gemeinden: wie sie Zukunftskompetenz vermitteln, regionale Kultur pflegen und Identität stärken, die ohne identitäre Abgrenzung auskommt.
Neues Miteinander im Bildungsladen
Wie die kvhs Hildburghausen lebendige Räume für Begegnung schafft
Verlassene Geschäfte, dunkle Schaufenster und vergessene Gebäude – leerstehende Flächen gibt es viele in kleinen Städten. Doch mitten in Hildburghausen ist aus einem leeren Raum ein Ort der Kreativität, des Miteinanders und des Lernens geworden. Was als Pop-up-Store begann, ist inzwischen ein fester Bestandteil der Kreisvolkshochschule Hildburghausen: der Bildungsladen am Puschkinplatz 5. Ein Ort, an dem Menschen Kaffee trinken, Kleidungsstücke tauschen oder sogar selbst nähen, beraten werden oder einfach zufällig vorbeikommen.
Der Landkreis Hildburghausen im Süden Thüringens ist stark ländlich geprägt. Kleine Gemeinden und weite Wege stellen viele Bildungsanbieter vor Herausforderungen. Gleichzeitig macht der Strukturwandel den Innenstädten zu schaffen, denn das wirtschaftliche und soziale Leben vieler Kleinstädte hat sich stark verändert. Klassischer Einzelhandel verliert an Bedeutung, Geschäfte stehen leer und öffentliche Begegnungsorte verschwinden zunehmend, weil sich der Alltag immer mehr ins Internet verlagert. Genau hier setzt die kvhs Hildburghausen an, mit dem Versuch, Bildung sichtbarer, alltagsnäher und niedrigschwelliger zu machen: Ein leerstehendes Ladenlokal wird wieder zu einem offenen Ort der Begegnung und des Lernens mitten in der Stadt und im realen Leben der Menschen. Vorher fiel die kvhs im Stadtbild nicht gerade ins Auge. „Unsere Volkshochschule sitzt eigentlich im ersten Stock. Da kommt niemand zufällig vorbei“, erzählt die Projektmanagement-Leiterin Isabel Richter. Als sich die Möglichkeit bot, ein Ladenlokal in zentraler Lage anzumieten, wagte die Volkshochschule ein Experiment. Im September 2025 startete zunächst eine Testphase mit einem Pop-up-Store. Von Anfang an sollte der Raum mehr sein als ein klassischer Kursort. Flexible Möbel, verschiebbare Tische und offene Sitzbereiche ermöglichten unterschiedliche Formate, vom Workshop bis zum Café. Ziel war es, Lernen in eine neue Umgebung zu bringen und neue Zielgruppen für die Volkshochschule zu gewinnen.
Lernen zwischen Kaffee, Kleidertausch und Kreativität
Schon die ersten Monate zeigten, wie groß das Interesse an einem offenen Bildungsort mitten in der Stadt ist. Viele Angebote verzichten auf klassische Kursstruktur und langfristige Anmeldung. In Formaten wie „Kaffee & gute Gespräche“ kommen Menschen unterschiedlichen Alters zusammen und sprechen über Gesundheit, psychosoziale Themen oder Digitales. Daneben finden Thementage zu Upcycling und Kleidertausch, Literaturspaziergänge, Berufsberatungen oder kleine Workshops statt. Ein Lesercafé in Kooperation mit der Redaktion der Lokalzeitung blieb besonders in Erinnerung: die Musiker Ostrausch und Tekkschuster nahmen ihren Podcast gleich vor Ort im Bildungsladen auf. „So haben wir plötzlich auch viele jüngere Menschen erreicht“, erzählt Isabel Richter.
Bildung sichtbar machen
Der Bildungsladen verändert nicht nur die Wahrnehmung der Volkshochschule in der Stadt, sondern auch die Arbeit in der vhs selbst. „Die Kolleg*innen sind mit dem Bildungsladen richtig aufgeblüht“, erzählt Isabel Richter. Und äußert sich auch dankbar über die vielen Kooperationspartner. Aktuell arbeitet die kvhs unter anderem mit psychosozialen Einrichtungen und lokalen Initiativen zusammen. Auch das UNESCO-Biosphärenreservat Thüringer Wald gehört dazu und es sind bereits weitere Formate für mehr Nachhaltigkeit in Planung.
Auch neue Kursleitende finden inzwischen über den Bildungsladen zur Volkshochschule. Besucher*innen bringen eigene Ideen mit oder bieten an, selbst Workshops zu gestalten. Gerade im ländlichen Raum ist das ein großer Gewinn, denn vielerorts mangelt es an Lehrpersonal. „Je stärker wir präsent sind, desto mehr Menschen kommen mit eigenen Angeboten auf uns zu“, beschreibt Isabel Richter den Effekt.
Im Landkreis liegen manche Orte bis zu zwei Stunden Fahrzeit voneinander entfernt. Viele Menschen orientieren sich auf ihren unmittelbaren Wohnort. Die kvhs wiederum versucht, Menschen im gesamten Landkreis zu erreichen. Ein gedrucktes Programmheft gibt es inzwischen nicht mehr. Dafür setzt die Volkshochschule auf Social-Media, einen WhatsApp-Kanal, Presseartikel, Anzeigen und direkte Ansprache. Stammkund*innen erhalten beispielsweise Postkarten mit aktuellen Angeboten. Besonders wichtig, so Isabel Richter, bleibe die lokale Pressearbeit. Sie sorge dafür, dass auch Menschen außerhalb der Stadtgrenzen auf neue Veranstaltungen aufmerksam werden. Isabel Richter träumt auch von einem „Bildungsladen on Tour“, also mobilen Angeboten, die auf Rädern in kleinere Gemeinden kommen.
Ein Wandel in der Erwachsenenbildung?
Mit ihrem Konzept steht die kvhs Hildburghausen nicht allein da. Auch andere Volkshochschulen experimentieren zunehmend mit Pop-up-Formaten, offenen Lernorten oder mobilen Angeboten in Innenstädten. Zudem ist ein Wandel in den Erwartungen an die Erwachsenenbildung festzustellen, beobachtet Isabel Richter. An der kvhs Hildburghausen müssen Formate heute stärker zielgruppenorientiert, flexibler und oft unverbindlicher sein. Viele Menschen suchen eher kurze Formate, praktische Aktivitäten oder soziale Begegnungen.
Der Bildungsladen in Hildburghausen zeigt, wie man diesen Ansprüchen gerecht werden kann: Hier ist die Volkshochschule nicht nur reiner Kursanbieter, sondern auch Ort der Begegnung. Aus einem zeitlich begrenzten Pop-up-Projekt ist ein dauerhafter Bildungsraum geworden, mitten in der Stadt und nah am Alltag der Menschen.
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Alle Praxisbeispiele: #zukunftsort_vhs: Lernen auf dem Land
Über die Storytelling-Kampagne
#zukunftsort_vhs: Lernen auf dem Land
91 Prozent der Fläche Deutschlands sind ländlich geprägt. Über die Hälfte der Menschen in Deutschland lebt in ländlichen Regionen. Diese Regionen sind so unterschiedlich wie Wattenmeer und Hochgebirge, und die Zukunftsszenarien gehen weit auseinander: Wirtschaftlich starke ländliche Gegenden profitieren vom Zuzug aus den Großstädten, während andere Regionen bis 2045 noch einmal jeden fünften Einwohner verlieren dürften. Die einen haben somit auch weit bessere Chancen als die anderen, ihren Bedarf an Arbeits- und Fachkräften zu decken.
Die ländliche Gesellschaft verändert sich. So hat sich der Anteil der Bevölkerung ohne deutsche Staatsangehörigkeit in ländlichen Räumen seit 2011 mehr als verdoppelt. Manches bleibt aber auch gleich. Zum Beispiel, dass kleine Städte und Dörfer in hohem Maße auf das ehrenamtliche Engagement ihrer Bürger*innen angewiesen sind: bei der Freiwilligen Feuerwehr, in Vereinen und Kirchengemeinden, aber auch in der Kommunalpolitik.
Menschen in ländlichen Regionen wollen Transformation mitgestalten und Traditionen erhalten. Das erfordert Fähigkeiten und Kompetenzen. Bei der Organisation des Vereinslebens ist der sichere Umgang mit digitalen Tools ebenso gefragt wie am Arbeitsplatz. Ökologische und ökonomische Kenntnisse sind in der Landwirtschaft wichtig, aber auch beim Bau eines Eigenheims. Und noch dringender als in den Städten brauchen Zugewanderte in ländlichen Gegenden die Möglichkeit, schnell Deutsch zu lernen, um vor Ort Arbeit und Anschluss zu finden.
Die Volkshochschulen sorgen dafür, dass Menschen auf dem Land in erreichbarer Nähe lernen können, was sie in Beruf und Alltag brauchen. Vhs helfen, ländliche Regionen vital und attraktiv zu machen. Dadurch wirken sie auch der Entfremdung zwischen urbanen und ländlichen lokalen Gesellschaften und der politischen Instrumentalisierung von Stadt-Land-Gegensätzen durch Populist*innen entgegen. Im #zukunftsort_vhs 2026 berichten wir über Volkshochschulen in kleinen Städten und ländlichen Gemeinden: wie sie Zukunftskompetenz vermitteln, regionale Kultur pflegen und Identität stärken, die ohne identitäre Abgrenzung auskommt.
