Rita Süssmuth war ein Mensch der vielen Facetten. Sie war einfach brillant in ihrer Arbeit und ihren fachlichen und politischen Kompetenzen, ihrem umfassenden Wissen und ihrer Bildung, ihren Ideen und ihren Projekten, ihrer Zuwendung zu den Menschen und ihrer Wärme, ihrer Wirkung und ihrer ganz einmaligen sehr besonderen Persönlichkeit.
Daran soll hier erinnert werden mit Blick auf ihre 27 Jahre als Präsidentin des Deutschen Volkshochschul-Verbandes und ihre darauf folgenden 11 Jahre als Ehrenpräsidentin. Sie hat diese Ehre genossen und ist zugleich erkennbar weiter mit der ihr eigenen Lust und Freude für ihre Volkshochschulen da gewesen. Sie ist für sie eingestanden, wo immer und solange ihr dieses möglich gewesen ist. So war sie, unsere Rita.
Diese vielen klaren, faszinierenden, strahlenden Facetten ihrer Persönlichkeit haben uns in den Volkshochschulen über die langen gemeinsamen Jahre beglückt, gestärkt, bereichert – als Institution und ganz persönlich.
Eine Brückenbauerin mit viel Gespür für Menschen und die Zukunft
Rita Süssmuth war mit Leib und Seele eine Politikerin in den demokratischen Strukturen – parteilich, parlamentarisch, exekutiv – wie auch eine Aktivistin der gesellschaftlichen Bewegungen – der Frauenbewegung, der Bildungsbewegung, der globalen Bewegung für Menschenrechte, was immer die Gleichberechtigung und das Recht auf Bildung für alle eingeschlossen hat. Beides fügte sich für sie in ihrem Leben zusammen.
Für die Erwachsenenbildung und die Volkshochschulen setzte sie Wegmarken von bleibender Wirkung, nachdem sie im April 1988 zu deren Präsidentin gewählt worden war. Sie wurde damit zu einer Grenzgängerin zwischen diesen ganz verschiedenen Welten. Aber wie sagte ein erfahrener Volkshochschulleiter in Erinnerung an ihren Einstieg in diese vhs-Welt: „Rita Süssmuth, die hat ganz schnell verstanden, was wir da eigentlich gemacht haben, weil sie sich offensichtlich auch gerne auf Neues und Unbekanntes eingelassen hat und ganz viel Gespür für Menschen und das Wesentliche hatte.“ Sie wurde damit zu einem Vorbild in der Vereinbarkeit von politischen Spitzenämtern in der Politik wie in unserem Verband, dem weitere Persönlichkeiten auf Bundes- wie Landesebene nachfolgen sollten.
Als oberste Repräsentantin der Volkshochschulen in Deutschland kämpfte Rita Süssmuth für das Menschenrecht auf Bildung. Sie war von deren sozialintegrativer Bedeutung und emanzipativer Kraft zutiefst überzeugt. Dazu sagte sie 1996 auf der Festveranstaltung zum 50-jährigen Jubiläum des Bayerischen Landesverbandes: „Mir ist es wichtig, dass Bildung nicht nur für den Kopf da ist, sondern den Menschen in die Lage versetzt, zu handeln, sich zu entwickeln und seine Probleme selbst zu lösen. Politisch gesprochen: ihn aus der Ohnmacht zur Macht zu führen.“ Den philosophischen Aufklärer Immanuel Kant und den sozialdemokratischen Ahnherrn Wilhelm Liebknecht in einer Rede vor den Ohren der bayerischen Staatsregierung in München zusammen zu binden – das wird der überzeugten Christdemokratin in ihr noch eine besondere innere Genugtuung verschafft haben.
Unter ihrer Präsidentschaft wurde der DVV zu einer schlagkräftigen Organisation der Interessenvertretung mit einem großen Portfolio an wegweisenden Projekten ausgebaut – weit über das klassische Spektrum an Programmbereichen hinaus. Für sie sollte Volkshochschule immer beides sein – Lernen als zweite Chance sowie erweiterndes und fortschreitendes Lernen. Die Volkshochschulen verstand sie als einen Ort von kompensatorischer Bildung, an dem nach den Prinzipien von Inklusion und Integration gesellschaftspolitisch relevante Aufgaben übernommen werden. „Niemand soll ausgeschlossen werden“, lautete ihr Credo. So waren Alphabetisierung und ausreichende Grundbildung für alle schon zentrale Anliegen Rita Süssmuths, als diese Herausforderungen noch gar nicht im öffentlichen Bewusstsein angekommen waren. Gleichzeitig sollten die Volkshochschulen aber unbedingt der breit anerkannte und kommunal fest verankerte Ort der freiwilligen Persönlichkeitsbildung von Erwachsenen und deren geistiger wie kultureller Vertiefung sein und bleiben. „Das dürfen wir bei allem sozialen Engagement nie vergessen und aufgeben“, war eine stete Mahnung von ihr.
Mit den Jahren entstand beim DVV dann als Dachverband der Volkshochschulen schrittweise eine auch personell starke, fachlich hochkompetente Zentrale für das politische Lobbying, die Beratung und Begleitung der Landesverbände und der Volkshochschulen und die Verbindung zur Wissenschaft wie zu den Medien. Mit der TELC und DVV International entwickelten sich starke Töchter und der Verband bekam eine solide finanzielle Basis. Die Vereinigung der Volkshochschulen in Ost- wie Westdeutschland ist ihr vor 35 Jahren mit Respekt, Einfühlung und Beharrlichkeit gelungen. Eine Satzungsreform sorgte 2003 für gelebte Frauenförderung und Diversität im Verband. Es gab keine Vorstandssitzung, wo dieses nicht zumindest implizit Thema gewesen wäre. Und 2011 verabschiedete die Mitgliederversammlung unter Rita Süssmuths Präsidentschaft mit dem Blauen Buch einstimmig eine Standortbestimmung, die weit in die Zukunft weisen sollte.
Das Weltinteresse und die Weltoffenheit von Rita Süssmuth prägten die internationale Erwachsenenbildung in den großen CONFINTEA-Konferenzen und Zusammenkünften der EAEA wie den Partnerschaftsprojekten unserer DVV international. Global, europäisch, national, regional – Rita Süssmuth organisierte hier mit ganz verschiedenartigen Partnern, von Regierungen bis zur Zivilgesellschaft, die Netzwerke und Kooperationen und gab ihnen weltweit Gewicht und Gesicht. Sie war eine Brückenbauerin.
Dass sie Deutschland, früher und gründlicher als andere, als Hoffnungs- und Chancenland verstanden hat, und Einwanderung von der Verantwortung für das Erlernen von Sprache und den Aufbau von Bildung her dachte, ist eine große historische Leistung. Sie hat die Volkshochschulen vom DVV bis zu allen Einrichtungen im Land auf diesem Weg mitgenommen und für unendlich viele Menschen Gutes bewirkt.
Ihr Leben in der großen Volkshochschulfamilie
Rita Süssmuth hat sich große Verdienste in vielen Bereichen ihres öffentlichen Lebens erworben. Sie hatte Format und zeigte Brillanz – und dass ohne Dominanz und Selbstüberschätzung. Ihr innerer Kompass, gespeist aus einem humanistischen Menschenbild und aus unerschütterlichen Werten, gaben ihr Zuversicht und Kraft und anderen stete Orientierung. Das hat sie für die Volkshochschulfamilie über Jahrzehnte zu einer unvergleichlichen Persönlichkeit gemacht.
Wir haben in dieser Familie viele gemeinsame Erinnerungen und doch hat jede und jeder auch ganz eigene.
Rita Süssmuth – die Rednerin. Im Sprechen frei und in den Argumenten zugleich umfassend hergeleitet und auf den Punkt. Und vor allen Dingen mit klarer Stimme, temperamentvoll, auch fordernd und dadurch mitreißend. So haben wir sie auf den großen Volkshochschultagen, den bundesweiten Verbandsversammlungen und bei ihren vielen Reden vor den und für die Volkshochschulen bewundert. Sie konnte das – mit ganz viel Kompetenz sprechen und zugleich mit ganz viel Einfühlung und Herzlichkeit.
Rita Süssmuth – die Überzeugende. So viel darf aus den unzähligen Sitzungen von DVV und TELC und DVV International und Grimme und ihren Beiräten berichtet werden. Nicht immer konnte sie pünktlich sein, aber immer war sie gleich bei der Sache, hörte sich erst ein, stellte dann Nachfragen, erweiterte den Gedankenhorizont, bündelte und klärte und trug dann damit zu der gemeinsamen Entscheidung bei. Sie vermittelte bei aller sachlichen Arbeit und hohen Ansprüchen an die Kolleginnen und Kollegen und auch an die Mitarbeitenden einen Teamgeist, der von Fairness, Verständnis, ja Wärme getragen war. Sie lebte Kollegialität und suchte Konsens.
Rita Süssmuth – die Nahbare. Ob der Rote Teppich beim Grimme Preis in Marl und die von ihr sichtbar genossenen Auftritte bei Preisübergaben und anschließenden Empfängen, ob die Betreuung der internationalen Gäste, das Foto-Shooting für die Teilnahmenden auf den Volkshochschultagen oder die unzähligen Auftritte in den Landesverbänden und bei den einzelnen Volkshochschulen: Rita Süssmuth strahlte Präsenz aus. Sie nahm die Menschen an und nahm die Menschen ernst, zeigte Interesse und stellte Bezüge her und gab den Momenten so persönliche Aufmerksamkeit. Sie mochte sich freuen und Freude zeigen. Sie hatte die große Gabe zur Nahbarkeit.
Rita Süssmuth – die Humorvolle, die Verschmitzte, die Gesellige. Ob sie jemals die letzte an der Bar nach einem arbeitsreichen Tag mit den Volkshochschulen bei den Verbandstagungen gewesen ist, will ich bezweifeln. Aber bei den Vorletzten wird sie gewiss manches Mal gewesen sein. Nicht um über Getränken an einem langen Abend den Tag hinter sich zu lassen, sondern weil ihr das Plaudern, das Erzählen, das gemeinsame Lachen und der gute Witz viel bedeutet haben, fern aller Förmlichkeit. Sie war gerne dabei und sie gehörte dazu – als Gleiche unter Gleichen – ganz selbstverständlich, ganz unprätentiös.
Rita Süssmuth – die unermüdliche Kämpferin. Ich werde gewiss nicht der Einzige im Kreis der Mitarbeitenden im DVV und in den Volkshochschulen und in den Vorständen und Gremien gewesen sein, der sich immer wieder gefragt hat, wo diese Frau eigentlich die Power her genommen hat, neben all ihren anderen Aufgaben und Vorhaben, sich über Jahrzehnte für die Erwachsenenbildung und die Volkshochschulen derart intensiv einzusetzen. Und dabei Erfolge zu erkämpfen und auch Rückschläge einzustecken, gleichwohl immer wieder zu ermuntern und Zuversicht zu zeigen, nicht aufzugeben und unermüdlich dranzubleiben. „Das wollen wir doch erst einmal sehen…“ war ihr Lebensspruch. Er ist legendär und in den Köpfen vieler von uns fest verankert wie auch andere ihrer ebenso knappen wie von intellektueller Bodenständigkeit und Lebensweisheit getragenen kurzen Sätze. Es waren für sie feste Ankerplätze in dieser ganz eigenen Form der „Kampfgemeinschaft“ für Bildung für alle und das ein Leben lang. Sie machte und mochte diese Ansagen. Wir mochten sie auch.
Eine „Königin der Volkshochschulen“ – aber eine republikanische …
„Über Mut – vom Zupacken, Durchhalten, Loslassen“ sollte die Botschaft ihres letzten Buches werden, das sie im Angesicht bedrängender Krankheit und Klarsichtigkeit ob ihrer Endlichkeit noch geschrieben hat. Ich glaube und habe es so erlebt, dass Rita Süssmuth in ihrem Leben in der Gemeinschaft der Volkshochschulen vieles von dem, was sie sich als ein gelungenes Leben für Bildung, für Emanzipation, für Gleichheit und Humanität vorgestellt hat, hineingeben konnte und zugleich gefunden hat. Das hat sie immer wieder beflügelt und vielen von uns wie auch anderen Menschen Flügel gegeben. Weil Rita Süssmuth ja Sinn für Humor wie Hintersinn hatte, würde sie deshalb gewiss ins Schmunzeln kommen, wenn wir sie als „Königin der Herzen“ bei den Volkshochschulen in Erinnerung behalten. Und ganz schelmisch und selbstbewusst dazu fügen: „…aber eine republikanische“.
Liebe Rita Süssmuth: Wir sind Dir dankbar.
Ernst Dieter Rossmann, 8.2.2026
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