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Deutscher Volkshochschul-Verband

Der Geschichte-Erzähler – Besondere Ehrung für den Doku-Dramatiker Heinrich Breloer

Der Autor und Regisseur Heinrich Breloer erhält in diesem Jahr die Besondere Ehrung des Grimme-Preises.

3. März 2020

Am Rande der Pressekonferenz zur Bekanntgabe der diesjährigen Grimme-Preisträger*innen hat Jana Geerken von der Online-Redaktion des Deutschen Volkshochschul-Verbandes (DVV) den Regisseur und Autor Heinrich Breloer getroffen und mit ihm über Digitalisierung, Fernsehen und Geschichte gesprochen. Breloer erhält in diesem Jahr die Besondere Ehrung des DVV, Stifter des Grimme-Preises. Für Arbeiten wie „Die Manns ­– Ein Jahrhundertroman“ und weitere Doku-Dramen wurde er vielfach ausgezeichnet. Die Besondere Ehrung ist sein achter Grimme-Preis.

volkshochschule.de: Sie haben Ihr gesamtes Produktionsarchiv der Stiftung der Deutschen Kinemathek überlassen, wodurch Ihre Dokumente im Internet frei zugänglich sind. Das scheint uns im Sinne von Walter Benjamin ein Akt der Demokratisierung durch Medien zu sein. Ist dies ein Nutzen, den wir aus der Digitalisierung ziehen können?

Heinrich Breloer: "Ja. Ich habe das auch schon so gehandhabt, als die Kinemathek noch nicht so weit war. Ich habe mein Material in hunderten von Kisten gesammelt, denn es gehört der Allgemeinheit und ich will es zurückgeben. All meine Interviews konnte ich schließlich nur mit dem Honorar der Öffentlichkeit führen. In einigen Fällen habe ich zur Ergänzung ein Buch verfasst, zum Beispiel "Unterwegs zu Familie Mann", "Unterwegs zu Bertolt Brecht".

Ich habe Zeiten erlebt, in denen mangels Platz eine Menge an Material vernichtet wurde. Dann hieß es, so viel Lagerraum zu beanspruchen sei zu teuer, das Material müsse weg. Daher haben die Redakteure erlauben müssen, dass interessante Filme und gute Restmaterialien vernichtet wurden. Heute bietet uns die Digitalisierung neue Möglichkeiten der Archivierung. Wir können Aufnahmen im Umfang von 60, 70 Stunden auf Datenträgern sichern, die so groß sind wie eine Zigarrenkiste. Dann haben wir ein Stück Geschichte von Thomas Mann oder von Bertolt Brecht in ganz kompakter Form, so dass sie auch das Deutsche Museum übernehmen kann. Denn dort interessiert man sich auch dafür. Wir müssen die Chance ergreifen, diese Bild- und Tondokumente für die Nachwelt aufzubewahren. Was wären wir heute froh, wenn wir Aufnahmen der Gespräche zwischen Goethe und seinem engen Vertrauten Johann Peter Eckermann hätten und nicht nur die Niederschriften!

Es ist ein großer Vorteil, dass wir heute vieles retten können. Ein solches Archiv ist für mich eine Art wunderbarer elektronischer Melatenfriedhof." (Anm. d. Red.: Der Melatenfriedhof ist der Zentralfriedhof Kölns, der wegen der interessanten Grabmäler zahlreicher Prominenter seit 1980 unter Denkmalschutz steht.) 

Volkshochschulen möchten mit ihren Angeboten den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken. Inwieweit ist dies auch durch kritische Filme oder Medien möglich und ist gesellschaftlicher Zusammenhalt ein Ziel, das Sie mit Ihrer Arbeit verfolgen?

"Meine Arbeit ist seit Beginn eine Arbeit am deutschen Narrativ. Es geht darum, wie wir uns als Gesellschaft unsere Geschichte erzählen, worauf wir uns verständigen und wie wir unsere Geschichte bewerten. Heute wird immer deutlicher, dass bewusst Narrative erfunden werden, um falsche Geschichte in Umlauf zu bringen, nur um in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung die Deutungshoheit zu gewinnen.

Nehmen Sie zum Beispiel unser Doku-Drama "Todesspiel" aus dem Jahr 1997 über den Deutschen Herbst und die „Rote Armee Fraktion“. Viele Leute waren fest davon überzeugt, dass die RAF-Häftlinge in Stammheim von der Regierung ermordet worden waren. Wir konnten hingegen zeigen, dass Pistolen in die Untersuchungshaft geschmuggelt worden waren. Das hat uns viel Kritik eingebracht. Man hat unseren Film als Hagiographie auf Helmut Schmidt bezeichnet. Doch für viele - auch aus der linken Szene - hat der Film den Blick auf die Ereignisse über Nacht verändert. 

Oder ein anderes Beispiel: Thomas Mann wurde hierzulande lange mit spitzen Fingern angefasst. Das Doku-Drama über "Die Manns" mit Armin Mueller-Stahl als Thomas Mann hat den Blick auf dessen Leben und Schreiben verändert. Es heißt ja immer, das Fernsehen verhindere das Lesen. In diesem Fall hat der Verlag mir geschrieben, dass er seit dem Film 30 Prozent mehr Bücher von Thomas Mann verkaufe und ganz neues, junges Lesepublikum erreiche. Da kann man sehen, was man mit dem Fernsehen ausrichten kann...

Und als weiteres Beispiel Albert Speer, der „Nazi-Gentleman“. Mit diesem Film haben wir uns auf die Suche nach der Person in all ihren Facetten begeben, gemeinsam mit den Kindern, die ihren Vater noch nicht richtig kannten. Auch seine eigenen Kinder hatte er belogen. Mit ihnen bin ich auf die Suche nach dem Vater gegangen. Dieses suchende Fernsehen ist für die Zuschauer interessanter als das Behauptungsfernsehen. Steile Texte auf Bilder, die etwas anderes zeigen. Mit dem suchenden Fernsehen konnte ich die Zuschauer an der Suche nach den Verbrechen des Albert Speer beteiligen. Die Zuschauer konnten selber zu der Einsicht kommen, dass Albert Speer zu den ganz großen Verbrechern während der Nazidiktatur gehörte. 

Das ist aus meiner Sicht die Königsklasse des Fernsehens: Mit Dokumenten so zu arbeiten, dass man sie in der Montage mit den Spielszenen sehr präzise zusammenprallen lässt, dass etwas drittes, neues im Kopf der Zuschauer entsteht, das so im Dokument und im Spiel allein nicht vorhanden ist. 

Sie haben das Doku-Drama als Form etabliert. Ist das heute noch ein Format, das generationsübergreifend wirken kann oder braucht es neue Formen, um Geschichte darzustellen?

"Mein Partner und Freund Horst Königstein und ich haben uns zunächst immer sehr genau überlegt, wie die Doku konzipiert sein muss. Und natürlich standen immer umfangreiche Recherchen am Anfang und eine Vorstellung davon, wie die Geschichte gewesen sein könnte. Danach haben wir all unsere Fundstücke dagegengehalten. Das ist jedes Mal eine große Arbeit, die viel Zeit braucht. 

Ich denke, das Doku-Drama ist eine ganz bewegliche Form und für alles einzusetzen, wenn sie gut gehandhabt wird. So vieles ist noch möglich. Da wird noch viel passieren.“

Erläuterungen und Hinweise

Bildnachweise

  • Deutscher Volkshochschul-Verband e.V.
  • Nadja Christ / Deutscher Volkshochschul-Verband e.V.
  • Deutscher Volkshochschul-Verband e.V.

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