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17.07.2026

Journalismus: zwischen Objektivität, Haltung und Aktivismus

Grimme-Institut lädt Medienexpert*innen zur Debatte ein

Wie viel Haltung verträgt Journalismus – und wo beginnt Aktivismus? Diese Frage beschäftigt Medien, Politik und Gesellschaft gleichermaßen. Angesichts fortschreitender Polarisierung, wachsender Empörungsdynamiken in sozialen Medien und eines schwindenden Vertrauens in Medien werden klassische journalistische Leitbilder wie Objektivität, Neutralität und professionelle Distanz zunehmend hinterfragt. Gleichzeitig gewinnen journalistische Formate – auch durch renommierte Auszeichnungen – an Sichtbarkeit, die bewusst Haltung zeigen. Um die Debatte über das Verhältnis von journalistischer Haltung und Verantwortung, persönlicher Unabhängigkeit und aktivistischem Engagement weiter voranzubringen, lud das Grimme-Institut am 11. Juni 2026 zu einer ganztägigen Fachkonferenz ins NRW-Forum nach Düsseldorf ein.

Grimme-Direktorin Çiğdem Uzunoğlu begrüßte die Gäste in Düsseldorf.

Die Veranstaltung knüpfte an jene Diskussionen an, die das Grimme-Institut nach der Kontroverse um die An- und Aberkennung einer Ehrung für die junge Aktivistin Judith Scheytt (Öffnet in einem neuen Tab) angestoßen hatte. Grimme-Direktorin Çiğdem Uzunoğlu betonte in ihrer Begrüßung, dass nicht nur politische Akteur*innen, sondern auch Medien, Institutionen und Preise zunehmend unter gesellschaftlichen Erwartungsdruck gerieten, sich zu positionieren: „Debatten drohen zunehmend von persönlichen Überzeugungen, statt von belegbaren Tatsachen geprägt zu werden. Polarisierung entsteht dort, wo nicht mehr die gemeinsame Suche nach Erkenntnissen zähle, sondern der Wettbewerb um Deutungshoheit.“ Wie man trotzdem weiter in konstruktivem Dialog bleiben könne und welche Verantwortung Journalismus und Medienpreise dabei tragen, solle nun in einem offenen Diskursraum verhandelt werden. Sie begrüßte außerdem Judith Scheytt, die selbst als Gast im Publikum vor Ort war und bekräftigte die Absicht des Grimme-Instituts, aus der vorangegangenen Kontroverse zu lernen. Im März habe man die organisatorische Trennung vom Verein der Freunde des Adolf-Grimme-Preises vollzogen, es gebe seitdem keinerlei gegenseitige Unterstützung mehr.

Prof. Dr. Michael Steinbrecher von der TU Dortmund sprach über den "Objektivität als Mythos".

Über den Mythos Objektivität und die demokratische Funktion des Journalismus

In der einleitenden Keynote von Prof. Dr. Michael Steinbrecher wurde deutlich, dass Objektivität im Journalismus als solche nicht existiert, sondern vor allem als Verpflichtung zu Qualitätsstandards wie Richtigkeit, Transparenz, Vollständigkeit und Multiperspektivität gesehen werden muss. Gleichzeitig dürfe und solle Journalismus Entwicklungen einordnen – vorausgesetzt, Bewertungen seien faktenbasiert und klar für das Publikum nachvollziehbar. Jörg Schönenborn vertrat in einer zweiten Keynote den Standpunkt, dass Journalismus in erster Linie Handwerk und keine Frage persönlicher Haltung sei. Glaubwürdiger Journalismus müsse möglichst viele Perspektiven sichtbar machen, um unterschiedliche Lebenswirklichkeiten zu berücksichtigen, und sich bewusst gegen die eigene soziale, politische oder kulturelle Prägung stellen. Nur so könne der Journalismus seine wichtige demokratische Funktion erfüllen.

Die Teilnehmenden des Panels „Wie halten wir's mit der Haltung?“ – am Mikrofon Alev Doğan von The Pioneer – diskutierten kontrovers.

Wie unterschiedlich diese Grundsätze in der Praxis ausgelegt werden, zeigten die anschließenden Diskussionen. Die Macherinnen der explizit gesellschaftlich engagierten Projekte „Wie Rechte reden“ und dem Netzwerk Klimajournalismus Deutschland beschrieben ihre Arbeit als Reaktion auf Defizite im klassischen Journalismus und als Beitrag dazu, Narrative kritisch zu hinterfragen.

Im Anschluss diskutierten Vertreter*innen der Rheinischen Post, der WELT, The Pioneer und dem WDR darüber, wie verlorenes Vertrauen der Bevölkerung gegenüber des Journalismus zurückgewonnen werden kann. Trotz unterschiedlicher Auffassungen über den Begriff von „Haltung“ zeichnete sich ein breiter Konsens ab: Guter Journalismus solle weder belehren noch sich selbst in den Mittelpunkt stellen, sondern neugierig, transparent und dialogorientiert arbeiten. Perspektivenvielfalt, Nähe zur Lebensrealität des Publikums und die Bereitschaft zuzuhören wurden als zentrale Voraussetzungen für Vertrauen hervorgehoben.

„Ausgezeichnet!": Schriftstellerin, Journalistin und Moderatorin Jenni Zylka hielt die Keynote zum Thema, wie Medienpreise publizistische Normen prägen

Medienpreise brauchen unabhängige Jurys, um Glaubwürdigkeit zu bewahren

Neben den Entwicklungen im Journalismus galt ein zweiter Schwerpunkt der Tagung der Rolle von Medienpreisen und den auszeichnenden Institutionen. Diskutiert wurde, welche journalistischen Werte Auszeichnungen legitimieren und welche Verantwortung Jurys mit ihren Entscheidungen tragen. Jenni Zylka machte in der einleitenden Keynote deutlich, dass journalistische Qualität nicht „wie im Sport“ objektiv messbar sei. Die Teilnehmenden des folgenden Panels, allesamt Medienmacher*innen mit vielfacher Jury-Erfahrung, pflichteten dem bei: Umso wichtiger sei es, transparente Bewertungskriterien zu entwickeln, unabhängige und vielfältig besetzte Jurys zu ermöglichen sowie die Bereitschaft zu zeigen, Bewertungsmaßstäbe kontinuierlich weiterzuentwickeln. Umstritten blieb die Frage, wie journalistische Haltung von politischem Aktivismus abzugrenzen sei. Einigkeit bestand jedoch darin, dass Medienpreise ihre Glaubwürdigkeit nur bewahren können, wenn Jurys unabhängig von politischem oder öffentlichem Druck entscheiden könnten.

Beim Talk „Wenn Diskurse scheitern“ – am Mikrofon Dr. Lars Rinsdorf von der TH Köln – wurde die Frage diskutiert, welche Räume und Bedingungen für einen konstruktiven Austausch benötigt werden.

Debatten in digitalen Räumen: Fluch und Segen zugleich?

Zum Abschluss richtete sich der Blick auf die Zukunft öffentlicher Debatten, die sich zunehmend in digitale Räume verlagern. Diese Entwicklung, so die Expert*innen aus Wissenschaft und gemeinnützigen Organisationen, sei nicht nur negativ zu betrachten. Digitale Plattformen würden zwar zur Polarisierung beitragen, böten aber auch Chancen für neue Formen des Beteiligung. Voraussetzung dafür sei jedoch, dass digitale Diskursräume aktiv gestaltet und der Dialog mit dem Publikum gestärkt werden müsse. Wie das gelingen kann, zeigten drei gute Beispiele aus der Praxis: Die ARD-Aktion „Was Deutschland verbindet“ aus dem Frühjahr 2026 schuf echte Begegnungen und konstruktiven Austausch zwischen Menschen mit unterschiedlichen Lebensrealitäten, das ZEIT-Projekt „Plan D“ ruft dazu auf, alltägliche Probleme und Lösungsansätze gleichermaßen miteinander zu teilen, und der „Public Spaces Incubator“ vom ZDF kreiert eigene digitale Plattformen für konstruktive und sichere Debatten. Trotz unterschiedlicher Ansätze verbindet alle Projekte dasselbe Ziel: Journalismus soll nicht nur einseitig informieren, sondern auch Räume schaffen, in denen Menschen ihre Themen einbringen und gesellschaftlicher Austausch respektvoll und auf Augenhöhe möglich bleibt. 

Es gibt also keine trennscharfe Linie bei der Frage, was Journalismus darf, was er sein muss – und was nicht. Einig waren sich die Teilnehmenden der Fachtagung jedoch darin, dass faktenbasierte, multiperspektivische Berichterstattung, transparente Qualitätsmaßstäbe und eine lebendige Debattenkultur unverzichtbar für die Meinungsbildung in einer demokratischen Gesellschaft sind. Gerade deshalb müsse der Dialog über journalistische Verantwortung – und die der Medienpreise – fortgeführt werden. Dass es kein Selbstläufer ist, unterschiedliche Sichtweisen in einer Debatte möglichst ausgewogen zu berücksichtigen, musste am Ende auch Çiğdem Uzunoğlu selbstkritisch eingestehen: unter den Redner*innen in Düsseldorf war nicht ein*e Aktivist*in.

Erläuterungen und Hinweise

Bildnachweise

  • Georg Jorczyk / Grimme-Institut
  • Georg Jorczyk / Grimme-Institut
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  • Georg Jorczyk / Grimme-Institut
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