„Früher hätte ich mich das nie getraut“ – Peer-Teamerin wächst an ihren Aufgaben
Dass Waniya Chaudhry einmal vor einem Fachpublikum ins Mikrofon sprechen würde, hätte sie sich noch vor wenigen Jahren nicht vorstellen können. Heute sitzt die 17-Jährige auf dem Podium einer Fachkonferenz in der Volkshochschule Frankfurt und berichtet von ihren Erfahrungen als Peer-Teamerin im talentCAMPus. Souverän, offen und mit einem freundlichen Lächeln erzählt sie, wie kulturelle Bildung ihr Selbstvertrauen gestärkt und ihren Blick auf die eigene Zukunft verändert hat.
Die Gelegenheit dazu bietet die Fachkonferenz „Bühne frei für die Zukunft: Kulturelle Bildung als berufliches Sprungbrett für Jugendliche“, die die Akademie der Kulturellen Bildung gemeinsam mit dem Deutschen Volkshochschul-Verband am 25. Juni 2026 veranstaltet hat. Im Mittelpunkt der Fachkonferenz an der Volkshochschule Frankfurt stand die Frage, welchen Beitrag kulturelle Bildung für Bildungsbiografien und berufliche Perspektiven junger Menschen leisten kann. Wer könnte diese Frage besser beantworten als Jugendliche selbst? Deshalb luden Heike Herber-Fries, Projektreferentin bei PROQUA, und Michael Kempmann, Projektleiter im talentCAMPus, ein Team der vhs Rhön-Grabfeld ein – unter ihnen die 17-jährige Waniya Chaudhry aus Niederlauer.
„Früher war ich sehr introvertiert und schüchtern“, erinnert sich Waniya nach der Podiumsdiskussion, auf der sie, gemeinsam mit ihren vhs-Kolleg*innen, das Peer-Konzept im talentCAMPus veranschaulichte. „Ich hätte nie gedacht, dass ich mich trauen würde, vor fremden Menschen über mein Leben zu sprechen und mich damit auch noch wohlzufühlen.“
Heute macht Waniya ihren Führerschein, ist an ihrem Gymnasium Schulsprecherin, begleitet als Tutorin Fünftklässler*innen und engagiert sich in den Ferien als Peer-Teamerin im talentCAMPus.
Volkshochschule als Wohlfühl-Ort
Doch wie kam es zu diesem Zuwachs an Selbstbewusstsein? Waniya stammt aus einer Familie mit pakistanischen Wurzeln. Ihre Eltern und ihre beiden älteren Geschwister wurden in Pakistan geboren, sie und ihre jüngere Schwester in Deutschland. Als die Mutter vor ein paar Jahren die Familie in Pakistan besuchte, nahm der Vater Waniya kurzerhand mit in die Volkshochschulen, in denen er abends Kochkurse gab. Für Waniya wurde daraus ein Schlüsselmoment. „Das hat mich sofort interessiert“, erzählt sie. „Ich wollte ihn immer wieder begleiten.“ Neben dem Kochen genoss sie es auch, ganz unterschiedliche Menschen kennenzulernen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen.
Auch an der vhs Rhön-Grabfeld gab der Vater Kurse. Dort lernte Waniya Renate Knaut kennen, die heute den vhs-Standort Bad Königshofen leitet. Sie war es auch, die Waniya vorschlug, selbst einmal an vhs-Angeboten teilzunehmen. Im Alter von etwa zwölf Jahren war sie dann das erste Mal bei einem talentCAMPus-Projekt der vhs Rhön-Grabfeld mit dabei.
Der Weg dorthin erforderte Mut, denn die Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln von Niederlauer bis Bad Königshofen dauert fast anderthalb Stunden. Doch Waniya nahm sie gern in Kauf und begann nach und nach, ihre Schüchternheit zu überwinden und auf andere Menschen zuzugehen. „Ich wollte neue Freunde finden, sonst wäre ich die ganze Woche allein gewesen,“ begründet Waniya ihren Sinneswandel. Besonders die Theaterprojekte besuchte sie gern – hier konnte sie erste Bühnenerfahrung sammeln und lernte, ihre Stimme zu erheben.
Im ersten talentCAMPus-Projekt lernte sie auch den damals 18-jährigen Hoshiyar Xano kennen, der die Kursleitung während der Ferienwoche als Peer-Teamer unterstützte und für Waniya zur Vertrauensperson und zum Vorbild wurde. „Wenn ich Fragen hatte, bin ich immer zu ihm gegangen. Er war offen und cool drauf.“
Durch talentCAMPus zu mehr Selbstvertrauen
Die positiven Erfahrungen blieben nicht unbemerkt. Schnell wurde Waniya auch durch Renate Knauts Zureden dazu ermutigt, selbst Peer-Teamerin zu werden und kleine Kurseinheiten zu gestalten. „Renate hat gesagt: Einfach machen! Und diesen Tipp habe ich mir zu Herzen genommen“, erzählt Waniya auf der Bühne. Also brachte sie jüngeren talentCAMPus-Teilnehmer*innen die Henna-Kunst näher – eine in ihrer Herkunftskultur verbreitete Verzierung der Hände. Oder sie zeigte ihnen, wie man häkelt – ein Hobby, das sie sich aus der Grundschulzeit bewahrt hatte.
Waniya spürte, dass sie immer selbstbewusster und aktiver wurde: Kinder zusammenrufen, Spiele erklären, Gruppen anleiten, Konflikte lösen - all das gehört als Peer-Teamerin eben dazu. „Früher hätte ich mich das nicht getraut. Aber ich habe mich der Herausforderung gestellt und bin daran gewachsen.“
Und nicht nur das Selbstbewusstsein wächst: Die Arbeit mit den Kindern bereitet Waniya einfach Freude. „Man bekommt so viel zurück“, sagt sie. Haufenweise selbstgemalte Bilder, aber vor allem Vertrauen. „Die Kinder fühlen sich bei mir sicher und schätzen meine freundliche und geduldige Art. Das ist ein tolles Gefühl!“
Sie beobachtet auch, dass die Jüngeren sie als Vorbild betrachten und vieles von ihrem Verhalten übernehmen. „Sie reden weniger dazwischen und achten mehr aufeinander.“
Kulturelle Vielfalt als Bereicherung
Als gläubige Muslimin trägt Waniya ein Kopftuch. Während der Projekte sprechen sie manchmal interessierte Kinder darauf an, stellen Fragen. Diese Gelegenheiten nutzt Waniya, um mit ihnen über kulturelle Vielfalt und unterschiedliche Lebenswelten ins Gespräch zu kommen. „Ich merke, dass gerade muslimische Mädchen gestärkt daraus hervorgehen und sich mit mir identifizieren.“
Wenn sie auf ihre Zukunft blickt, hat die 17-Jährige klare Ziele. Zunächst möchte sie ihr Abitur mit gutem Ergebnis absolvieren und anschließend studieren, doch was genau, weiß sie noch nicht. Ein Berufsleben als Kinderärztin, Lehrerin oder auch Eventmanagerin hat sie bereits in Betracht gezogen, da sie als Peer-Teamerin und Schulsprecherin gern organisiert und Veranstaltungen plant. „Ich bin selbst gespannt, für welchen Weg ich mich entscheide!“, sagt sie lachend.
Neben der Gesprächsrunde mit den Jugendlichen bot die Fachkonferenz unter anderem Vorträge der Berufsbildungsforscherin Dr. Mona Granato und der Theatervermittlerin Annika Rink vom Staatstheater Mainz. In Erinnerung bleiben dürfte vielen Besucher*innen jedoch vor allem Waniyas Geschichte. Aus einem schüchternen Mädchen ist eine junge Frau geworden, die heute Verantwortung übernimmt und selbstbewusst vor Fachpublikum von ihrem Weg erzählt – ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie kulturelle Bildung junge Menschen stärken kann.
- talentCAMPus
- Das Peer-Konzept
- Programmbegleitende Qualitätsentwicklung (PROQUA) zu „Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung” (Öffnet in einem neuen Tab)
- ProQua-Fachkonferenz "Bühne frei für die Zukunft! Kulturelle Bildung als berufliches Sprungbrett für Jugendliche" (Öffnet in einem neuen Tab)
- talentCAMPus-Projekt an der vhs Rhön-Grabfeld: Spielerisch lernen Kinder und Jugendliche, wie sie ihren Alltag nachhaltig gestalten (Öffnet in einem neuen Tab)