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Deutscher Volkshochschul-Verband

"Wie leben wir Vielfalt in unserer Volkshochschule?"

Im Rahmen des Jahresschwerpunktes "Zusammen in Vielfalt" haben wir Volkshochschul-Mitarbeiter*innen interviewt und sie zu den Themen Diversität und gesellschaftlicher Zusammenhalt befragt.
Der zweite Teil der Serie beginnt mit Michael S. Rauscher, er ist Stellvertretender Leiter der vhs Steglitz-Zehlendorf in Berlin.

Interviewreihe "Zusammen in Vielfalt"

Mit dem Jahresthema „Zusammen in Vielfalt“ machen Volkshochschulen im Jahr 2022 die Vielfalt ihrer Einrichtungen sichtbar und entwickeln sie weiter. Denn unsere Gesellschaft ist bunt: Menschen mit unterschiedlichen Biografien, Fähigkeiten und Lebensrealitäten prägen das Zusammenleben in unserer Gesellschaft und unsere Arbeit an den Volkshochschulen. Diese Vielfalt bietet Chancen und Potenziale. Studien zeigen: Dort, wo Vielfalt gefördert und gelebt wird, ist auch der Zusammenhalt stark. 

Über das ganze Jahr stellen wir Volkshochschulen und ihre Mitarbeiter*innen vor, die sich am Jahresschwerpunkt beteiligen. Das nächste Interview führt uns in die Hauptstadt Bundesrepublik mit Michael S. Rauscher, Stellvertretender Leiter der  Victor-Gollancz-Volkshochschule (vhs Steglitz-Zehlendorf, Berlin) und Programmbereichsleiter für Politische und Berufliche Bildung.

Michael S. Rauscher, Stellv. Leiter der Victor-Gollancz-Volkshochschule (vhs Steglitz-Zehlendorf, Berlin), Programmbereichsleiter für Politische und Berufliche Bildung

Was verbinden Sie mit dem Schwerpunktthema „Zusammen in Vielfalt“?

Das Jahresthema hat mich spontan an das Motto der Europäischen Union aus dem Jahr 2000 erinnert. Damals sollte der Leitspruch „In Vielfalt geeint“ der EU ein positives Image geben und, trotz der Unterschiedlichkeit der einzelnen Länder und Menschen, zur Schaffung einer europäischen Identität beitragen.

„Zusammen in Vielfalt“ ist für mich aber keine Imagefrage. Für die Victor-Gollancz-Volkshochschule in Südwesten Berlins bedeutet es vielmehr, uns nochmals zu hinterfragen, inwiefern wir es tatsächlich schaffen, mit unserem Programm möglichst viele unterschiedliche Menschen anzusprechen und Teilhabe zu ermöglichen. Zugleich geht es auch darum zu schauen, wie wir innerhalb der Organisation Vielfalt leben. Konkret: wie wir mit unterschiedlichem Alter, Geschlechtern, Herkünften, Weltanschauungen und körperlichen oder psychischen Voraussetzungen umgehen.

Inwieweit sind Vielfalt und Inklusion zentrale Bildungsaufgaben für Ihre Volkshochschule?

Im Verbund mit den anderen 11 Berliner Volkshochschulen haben wir uns selbst verpflichtet, Vielfalt nicht nur anzuerkennen, sondern auch zu fördern: In unserem gemeinsamen Leitbild aus dem Jahr 2017 haben wir formuliert, dass wir „demokratischen Werten verpflichtet, politisch und weltanschaulich unabhängig“ sind. „Wir stehen für Offenheit und Respekt vor Menschen verschiedener Kulturen.“ In einem Visionspapier der 12 Berliner Volkshochschulen heißt es weiter: „Als Lern- und Begegnungsorte fördern sie [die Volkshochschulen] die gelebte Diversität in Berlin, aktivieren gesellschaftliche Teilhabemöglichkeiten und stärken damit die Entwicklung von Demokratie und Zivilgesellschaft.“ Wir sehen, dass sich die Volkshochschulen auch hier weiterentwickelt haben und die Teilhabe aller Menschen in den Blick nehmen, die in unseren Bezirken leben. 

Für unsere Volkshochschule sehe ich Diversity als Querschnittsaufgabe, nicht nur aller Programmbereiche, sondern der gesamten Volkshochschule. Aus diesem Grund haben eine Kollegin und ich für das komplette vhs-Team, von der Service-Kraft bis zur vhs-Leitung, einen Fortbildungs-Tag zum Umgang mit Vielfalt und Verschiedenheit organisiert: Angeleitet vom Mobilen Beratungsteam Berlin für Demokratieentwicklung haben wir zunächst die eigene Identität und unsere Haltungen reflektiert. Wir haben geschaut, welche Facetten das Konzept „Diversity“ umfasst und wie und wo Diskriminierung stattfindet. Anhand eigener Beispiele aus der Arbeitspraxis hatten wir auch Gelegenheit, Lösungswege für diskriminierungsarmes Handeln zu diskutieren und zu finden. Ein kurzes Fazit des Tages: Alle haben nun eine Vorstellung vom Konzept Diversty; wir haben festgestellt, wie divers unser vhs-Team ist; und dass Vielfalt bereichernd und zugleich herausfordernd ist. Besonders hat mich gefreut, dass sich viele Mitarbeitende eine Fortsetzung wünschen, um mehr Handlungssicherheit im Umgang mit der Unterschiedlichkeit der Teilnehmenden zu erlangen und gegen Diskriminierung aktiv zu werden.

Mit welchem Projekt/welchen Bildungsangeboten reagieren Sie gezielt auf diesen Bedarf?

Ich möchte hier unseren „talentCAMPus inklusiv“ vorstellen: ein kulturelles Ferienprojekt für Kinder und Jugendliche mit und ohne körperliche oder geistige Beeinträchtigung. Hier lautet das Motto „Gemeinsam mit anderen etwas herstellen, präsentieren – und an der Herausforderung wachsen“. Zielgruppe sind bildungsbenachteiligte Kinder und Jugendliche im Alter von 9-16 Jahren. Neben dem Erlernen von kulturellen Techniken und Sprachen ist uns besonders wichtig, dass sich möglichst unterschiedliche junge Menschen begegnen und Unterschiedlichkeit anerkennen und wertschätzen lernen. Wir ermöglichen dabei allen Teilnehmenden neue Erfahrungen und heben durch eine gelungene Abschlusspräsentation vor Publikum das Selbstwertgefühl der jungen Akteur*innen. Das Besondere am talentCAMPus inklusiv ist, dass Kinder und Jugendliche mit und ohne Handicaps künstlerisch zusammenarbeiten und wir Inklusionshelfer*innen zur Unterstützung einsetzen können. Einige der Workshops werden von Erwachsenen mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen geleitet. All das ist nur möglich, weil wir mit Kooperationspartner*innen zusammenarbeiten, die im Bereich Inklusion sehr erfahren sind und die Förderbedingungen so attraktiv sind.

In diesem Sommer wird unsere vhs, nach der lähmenden Corona-Phase, Gründungsmitglied des neuen Alpha-Bündnisses Steglitz-Zehlendorf. Schon lange haben wir zahlreiche Kursangebote für Menschen, die (besser) lesen und schreiben oder rechnen lernen möchten oder einen Einstieg in die digitale Welt suchen im Programm. Das Alpha-Bündnis wird uns helfen, den Bedarf der Grundbildung noch genauer zu ermitteln und unsere Grundbildungsangebote noch besser zu kommunizieren. 

Daneben gibt es in fast allen Programmbereichen der vhs Steglitz-Zehlendorf Kurse, die wir im Berliner Programm ERW-IN -Berliner Erwachsenenbildung Inklusiv- in nahezu leichter Sprache veröffentlichen. Von „Die Wahlen leicht erklärt“ über „Yoga in deinem Tempo“ und „Englisch in leichter Sprache“ bis „Umgang mit dem Computer – von Anfang an“ sprechen wir Menschen an, die Kurse in einfacher Sprache und langsamerem Lerntempo besuchen möchten.

Welche Herausforderungen stellen sich bei der Durchführung von Bildungsangeboten/Projekten im Themenbereich Vielfalt und Zusammenhalt?

Ich habe festgestellt, dass Projekte besonders erfolgreich oder innovativ sind, wenn möglichst unterschiedliche Partner*innen ihre Kompetenzen einbringen. Das ist allemal befruchtender, als ein Projekt vom eigenen Schreibtisch aus zu planen und zu organisieren. Wenn Partner*innen aus sog. Betroffenenorganisationen ihre Erfahrungen einbringen, im Idealfall z.B. Menschen aus besonderen Milieus oder mit Handicaps das Programm miterarbeiten, ist schon viel gewonnen. Letztlich entscheidet aber die Frage der Ressourcen häufig über die Art der Beteiligung: Nur dort, wo die Ressource Zeit vorhanden ist, kann diese investiert werden, um die unterschiedlichen Menschen einzubinden.

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Bildnachweise

  • Rainer Jordan