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20.06.2026

Gegen Einsamkeit: Bildung für alle … von allen

vhs kann Geflüchteten aus der Isolation helfen, sagt Manjiri Palicha – ein Interview zum Weltflüchtlingstag 2026

Frau Palicha, Sie leiten die vhs Berlin Mitte. Dort lernen viele geflüchtete Menschen Deutsch. Wie geht es diesen Menschen?

Sicher geht es jede*m von ihnen anders. Wir können hier nicht verallgemeinern. Die Fluchtursachen und die Wege nach Deutschland sind ja ganz unterschiedlich. Klar ist: Alle haben eine schwerwiegende Entscheidung getroffen, als sie sich auf den Weg hierher begaben, und für alle war es ein schwieriger Weg. Klar ist auch: Alltagsprobleme, die sich sehr vielen Menschen in Berlin stellen, sind für Geflüchtete noch einmal bedeutend schwerer zu bewältigen. Das ist belastend, vor allem für diejenigen, die allein hierher gekommen sind. Aber was auch alle geflüchteten Menschen verbindet, denen ich begegne: Sie wollen sich ein neues Leben aufbauen, und dafür wollen sie Deutsch lernen. Sie tun das nicht, weil sie dazu verpflichtet sind: Es ist ihr Anliegen. 

Was heißt Fremdsein heute? Die Globalisierung lässt ja scheinbar Unterschiede verschwinden, und digitale Tools dolmetschen jede Sprache.

Aber die App übersetzt nicht die Lebenswelt. Und selbst wenn ich die Sprache ohne jede digitale Unterstützung sprechen kann, bin ich nicht hier sozialisiert. Ich müsste die „social codes“ kennen, um unbefangen kommunizieren zu können. Dass Supermärkte überall auf der Welt gleich aussehen, hilft mir dabei nicht. Als ich als 19-Jährige mit einem Stipendium aus meiner Heimatstadt Mumbai nach Berlin kam, konnte ich schon recht gut Deutsch. Ich wollte gerne nach Berlin, und ich wusste auch, ich fahre nach sechs Wochen wieder nach Hause. Trotzdem habe ich mich einsam gefühlt. Da war die ständige Unsicherheit: Wie soll ich mich verhalten? Wie vermeide ich es, komisch angeguckt zu werden? Wenn mir das in meiner sehr privilegierten Lage so ging, was empfinden dann Menschen, die wissen, dass sie nicht in ihr Land zurückkehren können? Und die sich hier alleine fühlen?

Was ungemein verbindet, ist gemeinsames Lernen. Darum sind die Deutschkurse für Geflüchtete so wichtig.

Manjiri Palicha, Direktorin der Volkshochschule Berlin-Mitte

In Berlin sollen über 190 Nationen leben. Hilft Geflüchteten der Kontakt zur eigenen Community?

In der Wartezone bei der Ausländerbehörde oder bei der Anmeldung zum Deutschkurs in der vhs von irgendwoher die eigene Sprache zu hören, das kann ein berührender Moment sein. Aber Menschen fühlen sich nicht zwangsläufig Personen aus ihrem Herkunftsland verbunden. Was hingegen ungemein verbindet, ist gemeinsames Lernen. Darum sind die Deutschkurse für Geflüchtete so wichtig. Im Kurs lernt man sich über andere Themen und Interessen kennen, die mit der Herkunft nichts zu tun haben. Eine Ukrainerin, die vor dem Krieg geflüchtet ist, schrieb mir kürzlich: „Bei euch im Deutschkurs hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, in Berlin angekommen zu sein“.

Was tut die Volkshochschule Berlin Mitte gegen Einsamkeit von Geflüchteten?

Einmal das, was Volkshochschulen immer tun: Kurse anbieten, in denen Menschen aktiv werden. Sprachen, Kochen, Programmieren, Yoga, eigene Erfahrungen und Ideen in einem Podcast umsetzen: Das ist anregend, motivierend und bringt Menschen zusammen. Auch im Kampf gegen Einsamkeit gilt: Gäbe es die vhs nicht, wir müssten sie erfinden.

Darüber hinaus laden wir Menschen aus unseren Deutschkursen gezielt in andere Kurse der vhs ein. Wir haben zum Beispiel bei unserem Projekt „vhs Mitte und ich“ (Öffnet in einem neuen Tab) die Anmeldung für unsere Angebote vereinfacht: Interessierte konnten sich bei uns über unseren Instagram-Kanal anmelden. Und: Die vhs Berlin Mitte arbeitet kontinuierlich daran, Bildung für alle von allen anzubieten. Das heißt, wir fördern bewusst den Rollenwechsel von Teilnehmer*innen zu Kursleiter*innen. Bei uns lernen Menschen mit Fluchterfahrung nicht nur, sie unterrichten auch. Wenn eine Kursleitung, die selbst einen langen Weg nach Deutschland hinter sich hat, einen Fotokurs für Geflüchtete anbietet, hat das eine eigene Qualität. Ein Rollenwechsel, der mich besonders beeindruckt hat: Eine Deutschkurs-Teilnehmerin hat aus ihrer ganz persönlichen Perspektive eine ABC-Fibel der deutschen Sprache geschrieben. Die wurde in alle im Kurs vertretenen Sprachen übersetzt. Das Buch hat die Autorin dann bei uns in der vhs vorgestellt ─ und anderen damit Mut gemacht. 

Manjiri Palicha ist Direktorin der Volkshochschule Berlin-Mitte. An der Universität Mumbai hat sie einen Master in Economics erworben. Sie ist darüber hinaus ausgebildete DaF-Lehrerin und Anti-Diskriminierungstrainerin. Ihren zweiten Master hat sie im Fach „Intercultural Education“ an der FU Berlin abgeschlossen. Ihre inhaltlichen Interessen liegen an der Schnittstelle von Erwachsenenbildung, Deutsch als weitere Sprache und (Anti-)Rassismus und Migration. Ab 2018 war sie Mitglied im ehemaligen Diversityausschuss des Deutschen Volkshochschul-Verbandes.

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  • UWE NIKLAS

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