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Deutscher Volkshochschul-Verband

Gesellschaftlicher Zusammenhalt: under pressure

In der Demokratie ist die Politische (Jugend)Bildung „systemrelevant“ und trägt zu gesellschaftlichem Zusammenhalt bei. Welche Rolle dabei den Trägern politischer Bildungsarbeit zukommt, erläutern Prof. Dr. Sabine Achour und Till Herold in diesem wissenschaftlichen Fachbeitrag.

Gesellschaftlicher Zusammenhalt ist ein hohes Gut, dessen Fragilität sich besonders im Zuge von Wandlungsprozessen und Krisen zeigt: Globalisierung, Digitalisierung, Flucht und Migration, ökonomische und ökologische Herausforderungen. Sie setzen Gesellschaften aufgrund von Gestaltungsnotwendigkeiten und Verteilungskämpfen (manchmal auch vermeintlichen) unter Druck. Die Corona-Krise beispielsweise wirkt hinsichtlich der Einschränkungen individueller Freiheiten wie ein Brennglas: Akzeptieren die einen Kontaktbeschränkungen und Abstandsregeln zum Schutz des Gemeinwohls, instrumentalisieren andere die Covid-19-Pandemie für neurechte und gesellschaftlich spaltende Verschwörungsphantasmen. Daraus entstehen Ängste, Unsicherheiten und Fragen unter anderem bei Kindern und Jugendlichen. Diese bleiben aufgrund von Mehrfachbelastungen der Eltern, Homeschooling und Isolation von Gleichaltrigen oft unbeantwortet. Erschreckend professionell reagieren auf dieses Deutungsvakuum etliche Gruppen, die bewusst menschenfeindliche, rassistische und demokratiedistante Antworten parat haben. Vieles davon entwickelt eine besondere Dynamik im digitalen Kommunikationsraum, der unser aller Alltag, aber insbesondere den von Jugendlichen, prägt. Die mögliche Sehnsucht nach Meinungshomogenität und die gefährliche Eindeutigkeit der Antworten täuschen Bestätigung vor, Filterblasen verstellen aber den Blick auf die existente gesellschaftliche Kontroversität.

Eine besondere Bedeutung in Bezug auf die Kompensation von Deutungsleerstellen und die Dekonstruktion von Hate Speech und Fake News – offline und online – haben die Träger der politischen Bildungsarbeit. Indem sie politische Urteils- und Handlungskompetenz fördern und Wissen um komplexe gesellschaftliche Prozesse an Jugendliche vermitteln, sind diese Träger wichtige Akteure für die Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhaltes. Kurzum: In der Demokratie ist die Politische (Jugend)Bildung „systemrelevant“. 

Schließlich sind Jugendliche die politischen Verantwortungsträger*innen von morgen. Der Förderung ihrer Mündigkeit kommt für die Zukunftsfähigkeit offener Gesellschaften eine besondere Bedeutung zu. Außerdem sind sie die mit verschiedenen Generationen Vernetzten, die demokratische Werte und Wertschätzung für die Demokratie weitertragen und authentisch an ihre Peergroups vermitteln können. 

Gesellschaftlicher Zusammenhalt als Anerkennung von Differenz

Sozialer Zusammenhalt kann als Maß der Verbindungen verschiedener Gruppen innerhalb der Gesellschaft und als Zugehörigkeitsgefühl zur Gesellschaft definiert werden (Manca 2014: 6026). Dabei sind offene Gesellschaften von Diversität und Kontroversität geprägt. Das heißt: Gesellschaftlicher Zusammenhalt fokussiert nicht gesellschaftliche Homogenität. Die Qualität zeigt sich in der Anerkennung von Differenz und Pluralismus, beim Austragen von (Interessens-)Konflikten unter Berücksichtigung der Grund- und Menschenrechte zur Vermeidung von Rassismus und Diskriminierung. Dies mag mit Blick auf Zugehörigkeitsgefühle zunächst widersprüchlich erscheinen, ist aber die Grundlage für den Zusammenhalt in einer immer pluralistischer werdenden Gesellschaft. Gesellschaftlicher Zusammenhalt ist dort besonders groß, wo Gesellschaft von Vielfalt geprägt ist (Arant et al. 2017). 

Jugendliche entwickeln Zugehörigkeitsgefühle oft durch ihre breite Einbindung in das gesellschaftliche Leben im Rahmen von Sportvereinen, gemeinnützigen Organisationen, religiösen Gemeinschaften etc. Diesen kommt eine Schlüsselrolle für den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu. Zugleich erfahren sie hier häufig auch, was Anerkennung von Differenz bedeutet: zum Beispiel mit Blick auf den gegnerischen Sportverein im Wettkampf oder durch den Kontakt mit anderen Religionsgemeinschaften oder Weltanschauungen.

Zugehörigkeit zur Gesellschaft entsteht durch entsprechende Sozialisationsprozesse aber nicht unbedingt automatisch. Diese umfassen etliche nicht intentionale Interaktionen, die sich oft durch Sozialisationsinstanzen wie Eltern, Verwandte, Peers oder Vereine positiv auf die Inklusion und Identitätsbildung auswirken können – aber auch negativ. Politische (Jugend-)Bildung hingegen umfasst bewusst geplante, individuumszentrierte Prozesse und pädagogisch reflektierte Angebote zur „Unterstützung und Förderung von selbsttätigem Denken und Handeln (…), mit dem Ziel, sich mit den Angelegenheiten des demokratischen Gemeinwesens zu beschäftigen, sich selbst im Politischen zu verorten und auf diese Weise Zusammenhänge herzustellen“ (Schröder 2013: 175). Politische (Jugend-)Bildung kann somit auf die Herausforderungen von und Grundlagen für gesellschaftlichen Zusammenhalt vorbereiten: durch die Befähigung zu gesellschaftlicher Teilhabe und (Mit-)Gestaltung durch politische Urteils- und Handlungsfähigkeit, Konflikt- und Empathiefähigkeit sowie Perspektivenübernahme für andere. 

Exklusionsgefühle hingegen können identitäre und ideologische Deutungsangebote attraktiv erscheinen lassen. Gegen diese Form der subjektiven und kollektiven ideologischen Selbstüberhöhung, sei es als vermeintlich Wissende über eine Weltverschwörung, als religiös motivierte*r Gotteskrieger*in oder als selbsternannte*r Verteidiger*in der Heimat, helfen nur autonomes, also mündiges und selbsttätiges Denken und ein im Rahmen der Sozialisation durch Selbstwirksamkeitserfahrungen erworbenes Selbstvertrauen, das Resilienz gegenüber den Versuchungen der Kollektive gewissermaßen aufbauen kann.

Die besonderen Chancen politischer Jugendbildung

Trotz des Verfassungsranges der politischen Bildung in vielen Bundesländern fristet sie strukturell in der Schule oft ein Schattendasein, welches durch oft fachfremden Unterricht noch verschärft wird (Gökbudak/Hedtke 2020). Der Zugang zu ihr ist – auch aufgrund der Mehrgliedrigkeit und unterschiedlicher Stundenverteilungen – soziokulturell sehr ungleich verteilt – nach dem Matthäusprinzip: „Wer hat, dem wird gegeben“ (vgl. Achour/Wagner 2019). Die in der Schule zunehmend bedeutungsvoll werdenden Angebote der überfachlichen Demokratiebildung wie Kooperationen mit außerschulischen Trägern, Beteiligungsprojekte und Exkursionen beruhen häufig auf Freiwilligkeit und somit auf Zufall. Es liegt im Ermessen von einzelnen Lehrkräften bzw. oft auch zeitlichen Ressourcen, ob Schüler*innen an diesen Formaten teilhaben oder nicht. 

Außerschulischer politischer Jugendbildung kommt daher eine besondere Bedeutung zu. Sie kann frei von Rahmenbedingungen (wie 45-Minuten-Taktungen und Notengebung) agieren, proaktiv Interessen, Identitätsfragen, Ängste oder gesellschaftliche Dynamiken rezipieren, ebenso Bedürfnisse nach Bestätigung aufgreifen, problematische Präkonzepte (also vorunterrichtliche Vorstellungen) hinterfragen und Möglichkeiten demokratischer Teilhabe initiieren und begleiten. Damit können die Gütekriterien politischer Bildungsarbeit besonders zum Tragen kommen: Neben der Berücksichtigung von Kontroversität und Indoktrinationsverbot steht die Teilnehmendenzentriertheit (Beutelsbacher Konsens) im Mittelpunkt. Letztere realisiert sich besonders durch die Förderung der Selbstwirksamkeit der Jugendlichen, aber auch der Akzeptanz ihrer Mindsets. Häufig stellt die politische Jugendbildung eine der wenigen Sozialisationsinstanzen dar, die die Grenzen bei menschenfeindlichen und demokratiedistanten Präkonzepten offenlegen kann. Handlungs-, Wissenschafts-, Zukunfts-, Problem- und Konfliktorientierung erfahren mit Blick auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt eine besondere Bedeutung. Die Authentizität in der politischen Jugendbildung Tätigen sowie Ziel-, Produkt- und Subjektorientierung fokussieren auf die Fragen: Ist dieses Angebot wirklich interessant für Jugendliche? Können sie mit ihrem Horizont und ihren Erfahrungen etwas beitragen und fühlen sie sich dadurch angesprochen? Kann ich als Teamer*in, vhs-Kursleiter*in o. Ä. wirklich authentisch über den Inhalt sprechen bzw. verkörpere ich ihn?

Die besondere Rolle der Volkshochschulen und der jungen vhs

Den Volkshochschulen im Ganzen und der jungen vhs im Speziellen kommt eine besondere Rolle zu. Sie können neben den obigen Punkten bezüglich der Individualebene auch den zweiten Aspekt des gesellschaftlichen Zusammenhalts, also die Kollektivebene, adressieren. Sie sind vor Ort präsent in den Stadtteilen der Großstädte, in den Zentren der mittleren und kleinen Städte und verbinden aktiv unterschiedliche Milieus – eine entscheidende Basis zur Anerkennung von Differenz. Dies können sie mit Nachdruck ausspielen, indem sie ihre Angebote mit lokalen Initiativen vernetzen, Jugendliche das Stadtbild und die Quartiersplanung (mit-)gestalten lassen, ihre Initiativen fördern und sich als Mittlerinnen der pluralen Gesellschaft, die ihre Stärke aus ihrer Diversität zieht, verstehen. Da Jugendliche häufig in Vereinen aktiv sind, können sie konstruktiv mit religiösen Gemeinschaften, Sport- und Hobbyvereinen kooperieren und durch gemeinsame, zumindest gemeinsam unterstützte und beworbene Projekte, aktiv unterschiedliche Gruppen von Menschen zusammenbringen und damit unter anderem im Sinne der empirisch fundierten Kontakthypothese (Allport) gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern.

Erläuterungen und Hinweise

Bildnachweise

  • Getty Images / franckreporter
  • Getty Images / Andrey Popov
  • Till Herold
  • fotostudio charlottenburg, Hedrich.Mattescheck.GbR
  • Getty Images / scyther5

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