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Deutscher Volkshochschul-Verband

Slavery Footprint

Menschenhandel und Sklaverei sind für Jugendliche hierzulande nicht unbedingt alltagsrelevante Themen – sie scheinen weit weg stattzufinden. Doch das Thema ist auch hier brisant. Ein Projekt der vhs Stuttgart im Herbst 2020 informierte über Hintergründe und zeigte, wie vielfältig der Einsatz gegen Ausbeutung sein kann.

von Katharina Reinhold

Die Veranstaltungsreihe „Slavery Footprint” der vhs Stuttgart stieß auf reges Interesse bei jungen Teilnehmenden. Dies lag sicherlich auch an den beteiligten Akteur*innen und Kursleiter*innen – allesamt junge engagierte und kreative Leute aus der Region, die sich intensiv mit dem Thema beschäftigen. Dazu gehörte die Gründerin eines sozial engagierten Modelabels sowie junge Filmemacher und Ehrenamtliche von Vereinen. Sie begegneten den Teilnehmenden auf Augenhöhe und ermöglichten vielseitige Veranstaltungen und angeregte Diskussionen – trotz der Herausforderungen durch die Covid-19-Pandemie. Das Projekt wurde von der Arbeitsgruppe „rotebühl28” der vhs Stuttgart entwickelt, die Kurse und Veranstaltungen von jungen Leuten für junge Leute zwischen 16 und 28 Jahren organisiert.

Besuch bei einem besonderen Modelabel

Die erste Veranstaltung führte die Teilnehmenden am 8. Oktober 2020 zu dem jungen Stuttgarter Modelabel  [eyd] clothing (Öffnet in einem neuen Tab), das sich explizit gegen Ausbeutung, moderne Sklaverei und Menschenhandel einsetzt. In den Räumen des Startups stellte die Gründerin Nathalie Schaller die Entstehung und Arbeit ihres Labels vor. Der größte Teil der [eyd]-Kollektionen entsteht in Mumbai in Indien. Bei der karitativen Partnerwerkstatt des Labels werden Frauen beschäftigt, die aus Menschenhandel und Zwangsprostitution befreit werden konnten. In einem Rehabilitationsprogramm erhalten sie eine Arbeit als Näherin in einem geschützten Umfeld und zusätzlich Schulbildung, Basic-Life-Skills, Gesundheitsversorgung und eine Unterkunft. Auf diese Weise sollen sie die Chance auf ein neues, selbstbestimmtes Leben erhalten.

Gespräch über den Film „Eleonore”

Der  Kurzfilm „Elenore” (Öffnet in einem neuen Tab) von jungen Filmemachern aus Stuttgart erzählt die Geschichte eines 15-jährigen Mädchens, das sich in einen fünf Jahre älteren Mann verliebt und Opfer der Loverboy-Masche wird. Er manipuliert sie und zwingt sie schließlich zur Prostitution. Die Filmemacher wollen mit dem Film junge Mädchen und ihr Umfeld erreichen und für diese gefährliche Masche sensibilisieren, die auch in Deutschland angewandt wird und deren Opfer aus allen sozialen Milieus kommen.

Nach der Filmvorführung von Elenore am 25. Oktober 2020 gab es eine Gesprächsrunde mit den Filmemachern, einer Streetworkerin sowie der Moderatorin. „Warum ist die junge Frau nicht vor ihrem Loverboy geflohen?“ oder „Welche Rolle spielt die Verbindung zu den Eltern und das soziale Umfeld?“ waren Fragen, über die die eingeladenen Gesprächspartner*innen mit den Teilnehmenden angeregt diskutierten.

Interaktives Webseminar zum Thema Prostitution

Die Veranstaltung mit der Autorin und Gründerin des Vereins „lightup Deutschland”, Carina Angelina, wurde wegen der Corona-Situation in ein interaktives Webseminar umgewandelt, was problemlos funktionierte. Bei dem Austausch am 17. Dezember 2020 ging es zunächst allgemein um das Thema Prostitution. Daran schloss sich ein Gespräch über die Loverboy-Masche an. Ein digitaler Plakate-Rundgang gab Einblicke in die aktuelle Situation mit Blick auf Prostitution in Deutschland. Darüber tauschten die Teilnehmenden sich anschließend in kleinen Gruppen aus. Zum Abschluss diskutierten sie mit den Kursleiter*innen über Möglichkeiten, sich gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution einzusetzen.

Corona als Herausforderung

Die Tatsache, dass sich immer die Bestimmungen zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie immer wieder veränderten, stellte das Team der vhs und die Teilnehmenden vor große Herausforderungen. So mussten etwa die Teilnehmendenzahlen der Präsenzveranstaltungen stark reduziert werden. „Die sich ständig ändernden Bedingungen führten dazu, dass keine Zuverlässigkeit in der Umsetzung gegeben war. Allerdings lud dies auch zu Spontanität und Kreativität ein“, sagt die Projektleiterin der rotebühl28-Arbeitsgruppe der vhs Stuttgart Mirjam Frank. „Zum Beispiel gab es statt Catering und Buffet für die Teilnehmenden Goodie-Bags, die mit einem Schokoriegel, einem Getränk und einer Veranstaltungskarte gefüllt waren, was sehr gut ankam.“ 

Aufgrund der aktuellen (Corona-)Situation und auch im Hinblick auf die Zielgruppe hatten die Veranstalter*innen von vornherein hohe Ansprüche in Bezug auf Digitalisierung, Gestaltung und Inhalte der Veranstaltungsreihe gesetzt. „Daher entschieden wir uns für junge Akteur*innen als Kursleitende, die viel Aufmerksamkeit von unserer Zielgruppe bekommen und die in Sozialen Medien aktiv sind“, so Lena Kuhnle, ebenfalls Leiterin der Arbeitsgruppe „rotebühl28”. Dies erwies sich als Glücksfall, denn einige der Veranstaltungen mussten kurzfristig in Online-Formate umgewandelt werden. Ein Online-Workshop konnte erfolgreich durchgeführt werden, der andere musste mangels Interesse ausfallen. Im Anschluss an die Veranstaltungsreihe wurden die Teilnehmenden eingeladen, bei einer Social-Media-Verlosung mitzumachen, bei der es T-Shirts des Modelabels [eyd] zu gewinnen gab – mit dem Ziel, die Veranstaltung und das Gehörte nochmal ins Gedächtnis zu rufen.

Schlussfolgerungen und Perspektiven

Die Veranstaltungsreihe kam bei den Teilnehmer*innen gut an. Die insgesamt 46 jungen Menschen erhielten vielschichtige Einblicke in das Themenfeld Menschenhandel und Zwangsprostitution. Es wurden auf niedrigschwelligem Niveau verschiedene Aspekte angerissen und Fragen aufgeworfen, um die Teilnehmer*innen dazu anzuregen, sich selbst eine Meinung zu bilden und sich weiter damit zu beschäftigen. „Da das Thema sehr umfangreich ist, gibt es noch viele Möglichkeiten, die Veranstaltungsreihe künftig zum Beispiel mit Inhalten zur Rechtslage und zu politischen Aspekten zu vertiefen“, sagt die Programmbereichsleiterin der jungen vhs Iris Loos. Es wäre möglich, darauf aufbauend weitere Seminare oder Workshops anzubieten. „Das Interesse war sehr groß, sodass man das Programm in der politischen Jugendbildung dauerhaft um diese Thematik erweitern könnte“, so Loos. „Die vielen jungen Akteur*innen aus der Region Stuttgart, die wir als Kursleiter*innen gewinnen konnten, kamen gut an und wirkten motivierend auf die Jugendlichen, sich mit diesem ernsten Thema zu beschäftigen und vielleicht auch sich selbst politisch zu engagieren.“ 

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