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Deutscher Volkshochschul-Verband

Bildungsgerechtigkeit in Zeiten von Corona

Kinder und Jugendliche aus weniger privilegierten Familien haben aufgrund der Covid-19-Pandemie besonders starke Nachteile. Kommunale Bildungslandschaften könnten ein Weg sein, diese Benachteiligung auszugleichen und zu mehr Bildungsgerechtigkeit beizutragen, meint Hanna Dumont.

Inwiefern die derzeitigen Restriktionen im Bildungssektor zu einer zunehmenden Bildungsungerechtigkeit bei Kindern und Jugendlichen führen, ist eine der am meisten diskutierten Fragen seit Ausbruch der Covid-19-Pandemie. Auch wenn es zu den Auswirkungen der Schließungen von Bildungseinrichtungen bislang kaum empirische Erkenntnisse gibt, ist davon auszugehen, dass Kinder und Jugendliche aus sozial weniger privilegierten Familien sowie Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund durch die aktuelle Situation in besonderem Maße benachteiligt sind. 

Bedeutung des Bildungshintergrunds und der Sprache der Eltern

So unterscheiden sich Elternhäuser in Abhängigkeit ihres sozialen Status nicht nur hinsichtlich ihrer Ressourcenausstattung für digitales Lernen, sondern auch in ihren Möglichkeiten der Lernunterstützung. Während Eltern in akademischen Berufen und höheren Positionen häufig die Möglichkeit haben, im Homeoffice zu arbeiten und ihren Kinder bei den Schularbeiten zu helfen, müssen Eltern in weniger qualifizierten Berufen, wie beispielsweise im Einzelhandelsverkauf, in der Regel an ihrem Arbeitsplatz präsent sein.

Darüber hinaus unterscheiden sich Familien hinsichtlich ihres kognitiven Anregungsniveaus. Eltern mit höherem Bildungshintergrund dürften eher in der Lage sein, ihren Kindern schulische Inhalte näher zu bringen sowie ergänzende Bildungsangebote zu machen. Allein das Vorlesen von Büchern oder Diskussionen am Abendbrottisch können hier einen entscheidenden Unterschied im Alltag von Kindern und Jugendlichen machen. Für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund kommt erschwerend hinzu, dass sie möglicherweise von ihren Eltern aufgrund einer Sprachbarriere weniger Unterstützung in schulischen Belangen bekommen können und wenig Kontakt zur deutschen Sprache haben. Insofern dürften Kinder und Jugendliche aus Familien, die sowohl über ein geringes Bildungsniveau verfügen als auch kaum Deutsch zu Hause sprechen, in doppelter Hinsicht benachteiligt sein.

Nachteile im Homeschooling

Neben Benachteiligungen aufgrund fehlender Unterstützungsmöglichkeiten in der Familie ist zudem davon auszugehen, dass Kinder und Jugendliche aus weniger privilegierten Familien auch weniger Unterstützung und digitale Lernangebote durch ihre Schulen bekommen. So bestehen in Deutschland große Unterschiede in der Ausstattung und der Qualität von Schulen, die sich nun auch im Umgang mit der aktuellen Situation bemerkbar machen dürften. Häufig finden sich diese Unterschiede in Abhängigkeit der Schulform und der Zusammensetzung der Schülerschaft. Das heißt, Schulen mit einer sozial privilegierten Schülerschaft sowie Gymnasien dürften besser aufgestellt sein, um ihren Schüler*innen qualitativ hochwertige Lernangebote zu machen. 

Aber auch Kinder und Jugendliche unterscheiden sich in ihrer Fähigkeit, die Zeit des Homeschoolings produktiv für sich zu nutzen. Leistungsstarke Schüler*innen verfügen meist über die Fähigkeit zum selbstregulierten Lernen, leistungsschwache Schüler*innen brauchen hingegen mehr Struktur, Anleitung und Unterstützung durch ihre Lehrkräfte. Aufgrund des Zusammenhangs zwischen Leistungsniveau und sozialer Herkunft muss davon ausgegangen werden, dass Kinder aus sozial weniger privilegierten Familien häufiger Schwierigkeiten haben, in Zeiten der Schulschließungen selbstständig zu lernen. 

Langfristige Folgen

Während diese herkunftsbedingten Ungleichheiten seit langem bekannt sind und auch vor der Pandemie existierten, werden sie nun wie durch ein Brennglas verschärft. Der Wegfall der üblichen schulischen Angebote über mehrere Wochen, Monate oder – im ungünstigsten Fall – Jahre, wird die Schere in den schulischen Kompetenzen von Kindern und Jugendlichen unterschiedlicher Herkunft noch weiter auseinander gehen lassen. Dies betrifft insbesondere jüngere Kinder, denn Defizite im Erwerb von wichtigen Basisfähigkeiten (wie zum Beispiel flüssiges Lesen und Schreiben) lassen sich in späteren Jahren nur schwer ausgleichen. Auch für Kinder und Jugendliche, die sich an sogenannten Gelenkstellen im Bildungsverlauf befinden, das heißt kurz vor dem Übergang in die weiterführende Schule oder vor dem Abschluss der Schulzeit, kann der pandemiebedingte Unterrichtsausfall nachhaltige Konsequenzen haben. 

Außerschulische Bildung als Chance

Aber nicht nur für die kognitive Entwicklung ist die Zeit fehlender Bildungsangebote problematisch – auch die psychosoziale Entwicklung von Kindern und Jugendlichen leidet unter dem fehlenden persönlichen Kontakt zu ihren Lehrkräften sowie zu Mitschüler*innen. Besonders dann, wenn in der eigenen Familie wenig Raum und Zeit für Unterhaltungen, Zuhören oder Ermunterungen ist, sind Kinder und Jugendliche darauf angewiesen, sich im sozialen Umfeld ihrer Schule eingebunden zu fühlen. An dieser Stelle können die Akteure der außerschulischen Bildung und insbesondere die Volkshochschulen als Orte, an denen Kinder und Jugendliche unabhängig von Herkunft gemeinsam lernen, in der aktuellen Situation einen entscheidenden Beitrag leisten. 

Spätestens seit dem Ausbau des schulischen Ganztags steht fest, dass außerschulische Bildungsangebote das Potenzial haben, sowohl die unmittelbare kognitive und psychosoziale Entwicklung als auch die Lebensperspektiven von Kindern und Jugendlichen positiv zu beeinflussen. Dies ist besonders dann der Fall, wenn verschiedene außerschulische Angebote untereinander vernetzt sind und in enger Kooperation mit Schulen stattfinden, sodass sich kommunale Bildungslandschaften etablieren. Wenn sich Stadtviertel und Nachbarschaften zu sozialen Nahräumen entwickeln, in die sich Kinder und Jugendliche eingebunden fühlen und die ihnen auch jenseits ihrer Familien Sicherheit und Anregungen geben, können Bildungs- und Erziehungsdefizite kompensiert werden. Vor diesem Hintergrund können die Akteure der außerschulischen Bildung dazu beitragen, dass Kinder und Jugendliche unabhängig von ihrer familiären Herkunft einen geschützten Raum des sozialen Austausches erfahren. 

Neben dieser grundlegenden Bereitstellung eines Lebensraumes außerhalb der eigenen Herkunftsfamilie lassen sich darüber hinaus auch zielgruppenspezifische Angebote machen. Dabei können aufgrund der im Vergleich zu Schulen weniger strengen zeitlichen und räumlichen Vorgaben kreativere und innovative Formate entwickelt werden, die unter Berücksichtigung der Corona-Schutzmaßnahmen vor allem im Freien stattfinden. Gerade die anstehenden Sommerferien eignen sich dafür, auch intensivere und längerfristige Angebote für Kinder und Jugendliche bereitzustellen. Ähnlich wie bei schulischen Angeboten ist auch hier eine hohe pädagogische Qualität der Bildungsangebote entscheidend, um Bildungsungleichheiten ausgleichen und Defizite kompensieren zu können. Viele Volkshochschulen passen ihre Ferienangebote bereits entsprechend an, wie auch die Praxisbeispiele aus Köln, Karlsruhe und Neuss in diesem Online-Dossier zeigen.

Vernetzung vor Ort

Bei der Entwicklung solcher außerschulischen Bildungsangebote sollte gezielt überlegt werden, wie Kinder und Jugendliche aus sozial weniger privilegierten Familien erreicht werden können. Eine Möglichkeit besteht darin, sich proaktiv mit den umliegenden Schulen und dem dort arbeitenden Lehrpersonal zu vernetzen. In der Regel wissen die Lehrkräfte sehr gut darüber Bescheid, welche ihrer Schüler*innen von außerschulischen Bildungsangeboten besonders profitieren würden und können hier Werbung machen und einzelne Personen ansprechen. Aber auch das direkte Einbeziehen der Eltern wäre denkbar, indem beispielweise Elterncafés oder auch gemeinsame Eltern-Kind-Kurse eingerichtet werden. Grundsätzlich sollten die außerschulischen Bildungsangebote für Kinder und Jugendliche möglichst ohne zusätzlichen Kostenaufwand für die Familien angeboten werden.

Fazit

Zusammenfassend lässt sich also festhalten, dass sich durch die Covid-19-Pandemie nicht nur die Gefahr steigender Bildungsungleichheiten ergibt, sondern auch die Chance, Bildungslandschaften auf kommunaler Ebene zu etablieren bzw. auszubauen. Volkshochschulen spielen hier als kommunal verankerte Akteure eine wichtige Rolle. Damit können sie langfristig zu mehr Bildungsgerechtigkeit für Kinder und Jugendliche beitragen.

Erläuterungen und Hinweise

Bildnachweise

  • Getty Images / Martine Doucet
  • Merrick Ales Photography
  • Getty Images / Martine Doucet

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