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Deutscher Volkshochschul-Verband

Nachhaltig Gärtnern – Nachhaltig Konsumieren

Im Stadtgarten Bebelhof qualifizieren sich Geflüchtete aus dem Projekt „Bildungsbrücken bauen“.

Wie man mit Pflanzen umgeht, weiß Ferhad Mehman Nawaz Lukali. Er kommt aus dem Iran und ist gelernter Tischler. In seiner Heimat lebte und arbeitete er auf einem Bauernhof. Bei hochsommerlichen Temperaturen und unter praller Sonne auf dem Gelände des Stadtgartens Bebelhof zu arbeiten, scheint ihm nichts auszumachen. Der 40-Jährige ist froh, hier zu sein, Gesellschaft zu haben.

Ferhad nimmt mit acht weiteren Personen - sieben Männer und zwei Frauen - an dem Kurs der  Volkshochschule Braunschweig teil, der im Rahmen des Projekts „Bildungsbrücken bauen“ angeboten wird. Die Teilnehmenden kommen aus dem Libanon, Ruanda, Algerien, Marokko, Syrien, Afghanistan und dem Sudan – eine gemischte Gruppe. Die meisten von ihnen haben eine Aufenthaltsgestattung oder eine Duldung in Deutschland und haben sich bereits mit dem Gedanken einer freiwilligen Rückkehr beschäftigt.

Im Stadtgarten Bebelhof, einer Einrichtung der Volkshochschule Braunschweig, gibt es in diesen Wochen jede Menge zu tun. Gemüse muss pikiert, Unkraut entfernt werden. Auch zu ernten gibt es derzeit reichlich, aber nur, wenn die 120 Hochbeete vorher regelmäßig gewässert werden. Über die ntägliche Pflanzenpflege hinaus fallen immer wieder Reparaturarbeiten an. Zu den Inhalten des Lernangebots zählen theoretische sowie praktische Module des nachhaltigen Gärtnerns und Konsumierens. Beetvorbereitung, Kompost, Aussaat und Vorkultur, Beetpflege und Pflanzenportraits werden behandelt. Dazu kommen Themen wie Fleischkonsum und Tierhaltung, Bio- / Fair Trade Siegel, Plastikmüll und Schadstoffe, Kinderarbeit, Second Hand Läden und Repair Cafés. Ergänzend thematisieren Teilnehmer*innen Fragen rund um die berufliche Selbständigkeit und finanzielle Alltagsfragen.

Kompetenzen erkennen und Ziele formulieren mit dem Stärkenatlas

Um potenzielle Teilnehmende zu gewinnen, hat Laureen Petzold, pädagogische Mitarbeiterin der Volkshochschule, das Projekt „Nachhaltig Gärtnern – Nachhaltig Konsumieren“ in ihrem Netzwerk von Sozialarbeiter*innen und Ehrenamtlichen aus der Flüchtlingsarbeit bekannt gemacht. Zusätzlich wurden Flyer erstellt, die in allen Flüchtlingsunterkünften und in der zentralen Aufnahmeeinrichtung des Landes Niedersachsen LAB an die Bewohner*innen persönlich übergeben und auch in einigen Flüchtlingsberatungsstellen und den vhs-Sprachkursen verteilt wurden. In mehreren Gesprächen gemeinsam mit den vor Ort tätigen Sozialarbeiter*innen wurden anschließend die interessierten Personen – die sich mit dem Gedanken an eine freiwillige Rückkehr tragen - bei der Anmeldung unterstützt und alle weiteren Schritte besprochen. Über den gesamten Projektverlauf hinweg standen die Sozialarbeiter*innen in engem Kontakt mit den Mitarbeitenden der Einrichtungen, z. B. bei der Betreuung der Teilnehmenden. Diese enge Zusammenarbeit stellt ein entscheidendes Element für eine erfolgreiche Teilnehmendenakquise und -bindung dar. Denn diese ist nur über den Kontakt der Geflüchteten zu einer oder mehreren Vertrauenspersonen möglich.

Nach dem Kennenlernen wurde in den ersten Projekttagen mit dem „Stärkenatlas“ des DVV gearbeitet. In unterschiedlichen Übungen, z. T. zu zweit, in Kleingruppen oder mit der Gesamtgruppe, ging es immer wieder darum, individuelle (informelle) Kompetenzen zu erkennen, Ziele zu formulieren und Wege zu suchen, wie diese Ziele zu erreichen sind, erklärt Petzold. Die Motivation sei von Beginn an groß gewesen. Auch Projekt-Koordinatorin Ute Koopmann betont: „Von den zehn Teilnehmern sind sechs bis sieben immer da. Und das, obwohl die Teilnahme freiwillig ist“. Im Projektverlauf wurde über ihr Rückkehrinteresse und über Beschäftigungsmöglichkeiten in den Herkunftsländern gesprochen. Für einige Teilnehmenden waren diese Optionen durchaus denkbar, allerdings nicht unter den gegenwärtigen (Sicherheits-) Bedingungen in den Ländern. 

Große Begeisterung für die gute Gemeinschaft und das praktische Tun

Ein Großteil der Teilnehmenden habe eine geringe schulische Vorbildung, so Koopmann. Diese reicht von keiner über acht bis zwölf Jahre Schulbildung bis hin zu einem Bachelorabschluss. Das Projekt vermittle diesen arbeitsmarktrelevante Kenntnisse – für spätere Jobs in Deutschland oder in den jeweiligen Herkunftsländern. „Hierzu zählen vor allem die praktischen Fertigkeiten im Bereich Holzarbeiten und Reparaturen. Das wird den Teilnehmern am Ende auch per Zertifikat bescheinigt“, sagt sie. Mit dem Gärtnern seien viele bereits vorher vertraut gewesen, weil sie aus agrarwirtschaftlich geprägten Ländern kämen. „Da kommt schnell mal der Satz: Auberginen kenne ich. Aber hier sind sie viel kleiner als in meiner Heimat“, berichtet die Verantwortliche für den Stadtgarten im Bebelhof.

Fahrradwerkstatt entwickelte sich zum „Renner“

Ferhad hatte auch an der Fahrradreparaturwoche Spaß. Hintergrund: Die Volkshochschule bekommt von der Stadt eingesammelte Schrotträder zur Verfügung gestellt, die in der im Stadtgarten integrierten Werkstatt wieder instandgesetzt werden. Auch die Kursteilnehmenden konnten eine Woche lang an Fahrrädern tüfteln. Der Lohn: Am Ende durften sie eins davon behalten. „Für einen Freund habe ich auch eins repariert“, erzählt er.

Teilnehmerin Ishragah Yousif hat mit ihrem neuen Rad zunächst einige vorsichtige Runden auf dem Hof des Stadtgartens zurückgelegt – aus ihrer Heimat kannte sie es nur vom Sehen. Sie kommt aus Karthum, der Hauptstadt des Sudan, einer Metropole mit mehr als 2,5 Millionen Einwohner*innen. „In so einer großen Stadt ist es für Frauen schwer zu lernen“, sagt sie. Aber auch gesellschaftliche Gründe sprechen noch immer dagegen. Unter Diktator Omar al-Bashir wurden Frauenrechte mit Füßen getreten. Nach der Revolution hat sich das zwar etwas geändert, doch viele Imame sehen das Radfahren immer noch als un-islamisch an. Mit Helm auf dem Kopf und Hose statt Kleid entsprechen die Frauen dort nicht dem Weltbild konservativer Kräfte.

Die 44-jährige Ishragah Yousif ist seit rund vier Jahren in Deutschland. „Mein Ziel war es immer, Fahrradfahren zu lernen“, sagt sie. Nach Ende des Kurses meldete sie sich anschließend gleich für den Frauen-Fahrradkurs der Volkshochschule Braunschweig an. Über diesen persönlichen Erfolg von Ishragah freuten sich die Projektverantwortlichen besonders. 

Weitere Beispiele aus der Praxis

Erläuterungen und Hinweise

Bildnachweise

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